Dienstag, 28. November 2006

Abwehr-Bollwerk überstrahlt alle: Fabio Cannavaro ist Europas Fußballer des Jahres!

  • Weltmeisterlicher Verteidiger vor Buffon und Henry
  • Erfolgsrezept: "Viel Schlaf, gutes Essen, wenig Sex"

Der Italiener Fabio Cannavaro ist zu "Europas Fußballer des Jahres" gewählt worden. Der 33-jährige Verteidiger von Real Madrid gewann die Auszeichnung "Ballon d'Or" (Goldener Ball) der französischen Fachzeitschrift "France Football" mit 173 Punkten klar vor seinem Landsmann Gianluigi Buffon (Juventus Turin/124) und dem Franzosen Thierry Henry (FC Arsenal/121).

Cannavaro hatte die italienische Nationalmannschaft als Kapitän zum Weltmeistertitel 2006 geführt und ist erst der dritte Verteidiger, der diese Auszeichnung erhält. Cannavaro ist dreizehn Jahre nach Juventus-Mittelfeldspieler Roberto Baggio der erste Italiener, der die Wahl zum Fußballer des Jahres gewann. Im Vorjahr hatte Barcelona-Star Ronaldinho diese Auszeichnung erhalten, heuer belegte der 26-jährige Brasilianer den vierten Platz. Den tragischen Helden der Fußball-WM 2006, Zinedine Zidane, der die Trophäe 1998 gewann, reihten die Juroren auf dem fünften Rang.

Vom Balljungen zum Weltmeister
Cannavaros Karriere klingt wie ein Märchen: Vom Balljungen zum Weltmeister in seinem 100. Länderspiel - und dann auch noch Europas Fußballer des Jahres. Dass er als Abwehrspieler in dem sonst von Stürmerstars dominierten Kicker-Zirkus in diesem Jahr zum besten Fußballer des Kontinents gekürt wurde, ist für den Italiener eine große Genugtuung und die Erfüllung eines Traums. "Für mich geht ein Traum in Erfüllung", jubelte Cannavaro. Ausgerechnet einer der Kleinsten war für die Fußball-Experten im WM-Jahr der Größte.

Klare Entscheidung
Die Jury der Fachzeitschrift "France Football" gab dem Verteidiger von Real Madrid 173 Punkte. Cannavaro lag damit vor Italiens Nationalkeeper Buffon (124), Henry (121) sowie Vorjahressieger Ronaldinho (FC Barcelona/73).

Maradona: "Italien sollte ihm ein Denkmal setzen"
1990 warf der gerade mal 1,75 m große Cannavaro Diego Maradona noch als Balljunge beim WM-Halbfinale Italien - Argentinien in Neapel den Ball zu, 16 Jahre später lobte ihn Maradona als besten Abwehrchef der Welt: "Italien sollte ihm ein Denkmal setzen", sagte er über den seiner Meinung nach "besten Spieler der WM". Nicht Zidane hatte diesen Titel verdient, sondern der Abwehrchef der "Squadra Azzurra". Darüber war man sich in Italien einig. "Fußball- Frankreich geht noch einmal in die Knie", schrieb "Il Giornale".

Aufregung in Frankreich
In Frankreich fiel das Echo dagegen sehr unterschiedlich aus. "Im Vergleich zu anderen großen Fußballern hat Cannavaro den Titel vielleicht nicht verdient. Er hat zwar eine großartige WM gespielt, aber keine großartige Saison", meinte Ex-Nationalspieler Jean-Pierre Papin. Und Trainer Gerard Houllier von Olympique Lyon sagte gar: "Das ist der größte Skandal - gegen Thierry Henry gab es eine Kampagne."

Wechsel nach Spanien schadete Image nicht
Dass Cannavaro dem im Liga-Skandal zum Zwangsabstieg in die Serie B verurteilten Rekordmeister Juventus im Gegensatz zu Alessandro Del Piero und Buffon nicht die Treue hielt und zu Real wechselte, nahm ihm in Italien keiner übel. Seit der grandiosen Leistung des 33-Jährigen in Deutschland, wo ihn "La Gazzetta" schon vor dem Finalsieg über Frankreich zum "Kaiser di Germania" ausrief, wird dem kleinen Mann mit den kurzen Haaren nahezu alles verziehen.

Ohne "echtes" Gegentor hatte der überragende Kapitän seine "Azzurri" ins Finale geführt, in dem er gewohnt fehlerlos spielte. "Er ist einfach Weltklasse", lobte ihn Nationaltrainer Marcello Lippi. Für Buffon ist Cannavaro "ein echter Kerl, ein Kämpfer, der ein Fußballspiel als Schlacht versteht". Dabei bleibt Cannavaro aber stets fair, kassierte bei der WM keine einzige Gelbe Karte.

Mit wenig Sex an die Weltspitze
Routine, Durchsetzungsfähigkeit, Wendigkeit, ein perfektes Stellungsspiel und vor allem ein sehr gutes Auge für die Spiel-Situation machen Cannavaro zum bestem Abwehrchef der Welt, meint nicht nur Maradona. Schmunzelnd verriet Cannavaro ein etwas anderes Erfolgsrezept: "Viel Schlaf, gutes Essen und wenig Sex."

Seine Karriere begann er zu Maradonas glorreichen Zeiten beim SSC Neapel. Tief beeindruckt von Ciro Ferrara eiferte er aber nicht dem wie ein Heiliger verehrten Argentinier nach, sondern verlegte sich auf das Tore-Verhindern. Die Tifosi bewundern den fairen Kämpfer, die weiblichen Fans den Modell-Athleten, der in Dolce & Gabana- Unterwäsche mit männlich-entschlossenem Blick von den Litfaßsäulen herabschaut. Wie auf dem Platz ist Cannavaro auch im Privatleben ein Teamspieler: Statt wilder Affären mit diversen Showgirls genießt der Neapolitaner das Familienleben mit seiner Frau und den zwei Kindern.

Ergebnis der Wahl zu Europas Fußballer des Jahres:
1.Fabio CannavaroReal Madrid173 Punkte
2.Gianluigi BuffonJuventus Turin124
3.Thierry HenryFC Arsenal121
4.RonaldinhoFC Barcelona73
5.Zinedine ZidaneReal Madrid71
6.Samuel Eto'oFC Barcelona67
7.Miroslav KloseWerder Bremen29
8.Didier DrogbaFC Chelsea25
9.Andrea PirloAC Milan17
10.Jens LehmannFC Arsenal13


"Europas Fußballer des Jahres" seit 1956:
1956:Stanley Matthews (ENG/FC Blackpool)
1957:Alfredo Di Stefano (ESP/Real Madrid)
1958:Raymond Kopa (FRA/Real Madrid)
1959:Alfredo Di Stefano (ESP/Real Madrid)
1960:Luis Suarez (ESP/FC Barcelona)
1961:Omar Sivori (ITA/Juventus Turin)
1962:Josef Masopust (CSSR/Dukla Prag)
1963:Lew Jaschin (UdSSR/Dynamo Moskau)
1964:Denis Law (SCO/Manchester United)
1965:Eusebio (POR/Benfica Lissabon)
1966:Bobby Charlton (ENG/Manchester United)
1967:Florian Albert (HUN/Ferencvaros Budapest)
1968:George Best (NIR/Manchester United)
1969:Gianni Rivera (ITA/AC Milan)
1970:Gerd Müller (GER/Bayern München)
1971:Johan Cruyff (NED/Ajax Amsterdam)
1972:Franz Beckenbauer (BRD/Bayern München)
1973:Johan Cruyff (NED/FC Barcelona)
1974:Johan Cruyff (NED/FC Barcelona)
1975:Oleg Blochin (UdSSR/Dynamo Kiew)
1976:Franz Beckenbauer (BRD/Bayern München)
1977:Allan Simonsen (DEN/Borussia Mönchengladbach)
1978:Kevin Keegan (ENG/Hamburger SV)
1979:Kevin Keegan (ENG/Hamburger SV)
1980:Karl-Heinz Rummenigge (BRD/Bayern München)
1981:Karl-Heinz Rummenigge (BRD/Bayern München)
1982:Paolo Rossi (ITA/Juventus Turin)
1983:Michel Platini (FRA/Juventus Turin)
1984:Michel Platini (FRA/Juventus Turin)
1985:Michel Platini (FRA/Juventus Turin)
1986:Igor Belanow (UdSSR/Dynamo Kiew)
1987:Ruud Gullit (NED/AC Milan)
1988:Marco van Basten (NED/AC Milan)
1989:Marco van Basten (NED/AC Milan)
1990:Lothar Matthäus (GER/Inter Mailand)
1991:Jean-Pierre Papin (FRA/Olympique Marseille)
1992:Marco van Basten (NED/AC Milan)
1993:Roberto Baggio (ITA/Juventus Turin)
1994:Hristo Stojtschkow (BUL/FC Barcelona)
1995:George Weah (LIB/AC Milan)
1996:Matthias Sammer (GER/Borussia Dortmund)
1997:Ronaldo (BRA/Inter Mailand)
1998:Zinedine Zidane (FRA/Juventus Turin)
1999:Rivaldo (BRA/FC Barcelona)
2000:Luis Figo (POR/Real Madrid)
2001:Michael Owen (ENG/FC Liverpool)
2002:Ronaldo (BRA/Real Madrid)
2003:Pavel Nedved (CZE/Juventus Turin)
2004:Andrej Schewtschenko (UKR/AC Milan)
2005:Ronaldinho (BRA/FC Barcelona)
2006:Fabio Cannavaro (ITA/Real Madrid)

(apa)

28.11.2006 11:24