Die Alarmglocken läuten: Im Skisport
macht sich der Klimawandel bemerkbar
- Moderne Technologie, bessere Planung als Ausweg
- ÖSV-Direktor Innauer sieht derzeit keine Gefahr

·Kein Pisten-Spaß unter 2.000 Meter
Der Klimawandel setzt dem Wintertourismus zu
·Klimawandel macht Ferien im Norden cool
Am Mittelmeer und im Norden war es gleich heiß
Novemberdürre in Europa, Schneechaos und Rekordkälte in Nordamerika. Speziell die Bewerbe des Internationalen Skiverbandes FIS bekommen die Folgen des verrückten Wetters besonders unangenehm zu spüren. Ende Oktober wurde in Sölden erstmals der Gletscher-Auftakt im alpinen Ski-Weltcup wegen des Warmwetters abgesagt, in St. Moritz und Val d'Isere mussten nun auch Dezember-Rennen in Europa aus dem Kalender des Skiwinters 2006/2007 gestrichen werden.
Bei den Verantwortlichen des Skisports, der sich auf den TV-Märkten ohnehin immer härter gegen Fußball und Co. behaupten muss, sind die Alarmglocken längst an. Keine andere Sportart findet unter so sensiblen und schwierigen Freiluft-Bedingungen in den Bergen statt, und es ist kein Wunder, dass es angesichts der Wetterkapriolen zunehmend schwieriger wird, willige Ausfalls-Versicherungen zu finden.
Einmal sorgt fehlender Schnee, dann wieder extremes Winterwetter für Probleme. Und das nicht nur bei den Alpinstars wie Hermann Maier, Benni Rauch usw. Selbst vergleichsweise einfach zu organisierende Langlauf-Bewerbe bekommen zunehmend Schwierigkeiten.
Günter Hujara dirigiert seit 1993 den Alpin-Weltcup als Renndirektor. Der 54-jährige Deutsche, der kürzlich für seine Verdienste um den Skisport in Tirol ausgezeichnet worden ist, vertraut seinen bis in die siebziger Jahre zurückreichenden Aufzeichnungen. "Wenn man sieht, in welchem Zustand die Gletscher heute sind, kann man das nicht mehr allein als Wetterkapriolen abtun", sagte Hujara am Rande der Herren-Weltcuprennen in Beaver Creek/Colorado.
Meteorologen würden seit mindestens 15 Jahren die Risiken vorhersagen, so Hujara. "Die Wintersportler kommen nicht in ein Klimaproblem, sie sind vielleicht schon mittendrin. Heute wachsen im Schwarzwald Pflanzen, die man vor zehn Jahren noch den Subtropen zugeordnet hat. Vieles verschiebt sich, und was im Sommer passiert, hat Auswirkungen auf den Winter. Die Zeichen stehen also ganz klar auf Achtung."
Was also tun? "Wir können das Wetter nicht ändern, sondern nur darauf reagieren", erklärt Hujara. In Skihallen ausweichen ist keine wirkliche Alternative. "Aber Mega-Skidomes wie in Dubai zeigen zumindest, dass die Technologie und das Know How prinzipiell da ist."
Soll das Wesen des Skisports gewahrt bleiben, muss man moderne Technologien wie Schneekanonen sowie eine effizientere Planung aber schon am Berg anwenden. Hujara: "Die Frage ist nicht, ob wir künftig in Ski-Hallen fahren, sondern wer wann und wo die entsprechende Menge an Schnee produzieren kann. Wir fahren ja jetzt schon auf Kunstschnee-Pisten, wie sie vor 15 Jahren noch nicht vorstellbar waren."
Ein Problem ist auch, dass die FIS seit Jahren mit ihren nationalen Verbänden um ein zentrale Vermarktung streitet. Die aufgesplitterte Rechtelage machte nach Absagen von Rennen eine schnelle Reaktion oft schwierig. Hujara: "Wenn die nationalen Verbände so schwerfällig bleiben, wird man sicher nicht weiterkommen." Trotz der Widerstände will die FIS künftig Rennen auf weniger Orte konzentrieren und so für einen GP-Charakter sorgen, Weltmeisterschaften sollen an das Saisonende rücken.
Unterschiedlich schätzen die Sportler selbst den Klimawandel ein. Während etwa die schwedische Olympiasiegerin Anja Pärson als aufmerksame Beobachterin ein globales Umdenken fordert, glauben viele Aktive eher an eine Wellenbewegung. "Mein Beobachtungszeitraum von 20 Jahren ist sicher zu kurz. Mir fällt aber schon auf, dass das Wetter immer extremer wird", sagte etwa Doppel-Olympiasieger Benjamin Raich. Slalom-Star Rainer Schönfelder sieht es gar locker. "Meine Urgroß-Oma ist 100 Jahre alt geworden und sie hat gesagt, so etwas hat es immer gegeben."
Der US-Skifahrer Steve Nyman hat hingegen nicht erst seit Al Gores Dokumentarfilm "Die unbequeme Wahrheit" ein schlechtes Gewissen. "Es macht mir Angst, wie schnell die Gletscher verschwinden. Aber was soll ich Wasser predigen. Wir Skirennfahrer fliegen durch die ganze Welt und tragen so selbst enorm zum Klimawandel bei", sagte Nyman.
Anton Giger, Chef der österreichischen Skiherren, fällt auf: "Das Wetter wird immer extremer. Hier extrem warm, dort extrem kalt. Wir in Österreich sind aber sehr gut darauf eingestellt, weil unsere Skigebiete modernste Maschinenschneeanlagen haben", meint der 43-jährige Salzburger. Angst, dass ihm sein Job als Skitrainer unter den warmen Temperaturen davon rinnt, hat Giger keine. "Dann muss ich halt Bademeister werden."
Auch für die Nordischen hat der WM-Winter alles andere als nach Wunsch begonnen, doch hier war es weniger der mangelnde Schnee, sondern vielmehr der starke Wind, der das Programm durcheinander gewirbelt hat. In Kuusamo ist seit Jahren traditionell der Auftakt der Skispringer und seit Jahren wird von diversen Funktionären gefordert, diesen an einen anderen Ort zu verlegen.
"Ich sage das schon seit Jahren, dass man den Saisonauftakt vernünftiger gestalten sollte", meinte der Nordische ÖSV-Direktor für Springen und Kombination, Toni Innauer gegenüber der APA - Austria Presse Agentur. Und wenn man schon in Kuusamo starten wolle, dann könnte man entweder mit einem Mannschaftsspringen (wesentlich mehr Spielraum für Jury-Entscheidungen durch verschiedene Gruppe) oder einem weniger windanfälligen Bewerb von der Normalschanze in die Saison starten. In Trondheim war es allerdings zu warm, die zweite Weltcupstation ist deshalb innerhalb Norwegens nach Lillehammer übersiedelt.
Ganz allgemein sieht Innauer die Diskussion um den Klimawandel nicht so dramatisch. "Vergangene Saison haben wir von November bis Saisonende eine geschlossene Schneedecke gehabt. Da hat niemand an den Klimawandel gedacht. Wenn es große Trends geben sollte, wird man sich drauf einstellen können und müssen." Grundsätzlich seien die Möglichkeiten für die Nordischen aber leichter als für die Alpinen. Auf den Schanzen und Loipen brauche man nicht so viel Schnee, außerdem könne man auch rechtzeitig Schneedepots anlegen.
Allerdings befinde man sich mit der Weltcup-Planung sozusagen in der "Roten Zone" des Übergangs zum Winter. Innauer könnte sich auch eine größere Ballung der Weltcup-Termine im Kern-Winter vorstellen - mit mehreren Abendterminen unter der Woche. Und wenn auch das nicht klappen sollte, denkt Innauer an eine Verschmelzung mit dem Sommer-Grand-Prix, den man zumindest teilweise an lukrativen Schauplätzen auch als Weltcup austragen könnte.
Im Biathlon greift man beim Weltcup in Hochfilzen ebenfalls auf Depots zurück und nimmt dafür einiges in Kauf: Die Veranstalter planen für die zweite Weltcup-Station vom 8. bis 10. Dezember Schnee vom Großglockner an den Schauplatz zu karren.
(apa/red)
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