Mittwoch, 29. November 2006

Wahlfrühling lässt Prodi aufblühen: Neuer Mann an der Spitze von Chaos-Staat Italien

  • Machtwechsel gelungen - Napolitano neuer Präsident
  • BILDER: Ohnmächtiger Berlusconi fällt bei Rede um

April 2006: Italien hat gewählt, die Mitte-Links eine Mehrheit in beiden Parlamentskammern errungen. Damit hätte eigentlich alles klar sein sollen. Aber Italien blieb seinem Image als Chaos-Staat wieder einmal treu. Während Oppositionschef Romano Prodi als Sieger posierte, zweifelte Ministerpräsident Silvio Berlusconi das Ergebnis öffentlich an und ließ noch einmal 80.000 Stimmzettel überprüfen.

In einem hatte der Medienmogul allerdings recht: Seit langem war Italien nicht mehr so gespalten. Von einem "Land der Rechten und einem Land der Linken, die zum Zusammenleben gezwungen sind", schrieb der Mailänder "Corriere della Sera". Schließlich haben nur 25.000 von insgesamt 47 Millionen Wählern der Linken in der Abgeordnetenkammer den Sieg beschert.

Erst neun Tage nach den Wahlen bestätigte das Kassationsgericht den knappen Sieg Prodis. Die richterliche Entscheidung zog einen Schlussstrich unter die tagelange politische Ungewissheit und machte den Weg für eine Regierungsbildung des Mitte-Links-Bündnisses unter Prodi frei.

Berlusconi hatte es lange abgelehnt, die knappe Niederlage seines Mitte-Rechts-Bündnisses anzuerkennen. "Endlich sind die Parlamentswahlen zu Ende. Die Italiener haben über unseren Wahlsieg keine Zweifel mehr. Jetzt werden wir ein starkes Kabinett aufbauen und Italien regieren", reagierte ein erleichterter Prodi. Drei Wochen nach der Niederlage kündigte Berlusconi seinen Rücktritt an.

Langer Wahlfrühling bestätigt Prodi
Kurz darauf wurde Giorgio Napolitano zum neuen Staatspräsidenten gewählt. Der 80-jährige Kandidat der Mitte-Links-Allianz um Wahlsieger Prodi erhielt im vierten Wahlgang die notwendige Ansolute Mehrheit der Stimmen. Nach der Wahl des neuen Präsidenten konnte Prodi die 61. italienische Regierung aus der Taufe heben.

Prodi musste sich gleich am 28. und am 29. Mai einem zweiten Test unterziehen. Mehr als ein Drittel der 50 Millionen wahlberechtigten Italiener waren zu Teilkommunalwahlen aufgerufen. Insgesamt wurde in 1261 Kommunen, sowie in acht Provinzen und in der Region Sizilien gewählt. Gewählt wurde auch in Rom, Mailand, Neapel und Turin.

In fast allen größeren Städten setzten sich die Kandidaten der Mitte-Links-Allianz durch und bestätigten somit Prodis Erfolg bei den Parlamentswahlen. Den sizilianischen Regionalrat eroberte dagegen Berlusconis Rechte.

Auch bei den Stichwahlen am 11. und 12. Juni in den 55 Gemeinden, in denen sich beim ersten Wahlgang kein Kandidat durchsetzen konnte, kam es zu einem klaren Sieg für Prodis Koalition.

Ohnmachtig: Berlusconis großer Umfaller
Gegen Ende des Jahres lenkte Berlusconi noch einmal unfreiwillig alle Blicke auf sich, als er bei einer Wahlveranstaltung ohnmächtig wurde. Der Medienzar, gegen den auch ein Korruptionsprozess läuft, wurde von seinem persönlichen Arzt behandelt und konnte nach einigen Tagen wieder die Klinik verlassen.

Der Zwischenfall schürte allerdings die Diskussion über die politische Zukunft Berlusconis, der sich seit seiner Wahlniederlage im April überraschend selten zu großen Themen zu Wort meldete.

(apa/red)

29.11.2006 11:11