Dienstag, 28. November 2006

Ex-Spion vergiftet: London fordert von Moskau Unterstützung im "Fall Litwinenko"

  • Beresowski im Spiel? Russland-Medien orten Komplott
  • Opfer macht Putin in Brief für Anschlag verantwortlich
    PLUS: Litwinenkos Abschieds-Brief im Wortlaut

Die mutmaßliche Ermordung des russischen Ex-Spions Alexander Litwinenko durch eine radioaktive Substanz in London hat die britische Regierung alarmiert. Die für Notfälle zuständige COBRA-Kommission des Kabinetts trat zu Beratungen zusammen, wie ein Sprecher des Innenministeriums mitteilte. Die Gesundheitsbehörde sprach von einem beispiellosen Fall in Großbritannien. Experten der Behörde beruhigten jedoch die Bevölkerung. Es sei unwahrscheinlich, dass Menschen, die zuletzt mit Litwinenko Kontakt hatten, ebenfalls verseucht worden seien.

Die britische Regierung forderte den Kreml auf, Scotland Yard bei der Aufklärung des Falls zu helfen. Der russische Botschafter Juri Fedotow sei gebeten worden, dies an seine Regierung weiterzuleiten, teilte das Außenministerium in London mit.

Der 43-jährige Ex-Geheimdienstagent und Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin war nach Erkenntnissen der britischen Behörden vor rund drei Wochen mit der radioaktiven Substanz Polonium 210 vergiftet worden. Er habe die Substanz entweder mit der Nahrung aufgenommen, inhaliert oder sie sei über eine Wunde in seinen Körper eingedrungen. Ermittler gehen davon aus, dass ihm ein bisher noch unbekannter Täter das Polonium am 1. November heimlich verabreichte. An dem Tag hatte er mehrere Treffen, darunter mit zwei anderen Russen. Litwinenko starb auf der Intensivstation eines Londoner Krankenhauses.

Putin weist alle Anschuldigungen zurück
Scotland Yard intensivierte die Fahndung nach den unbekannten Tätern und durchsuchte dabei auch ein Hotel, eine Sushi-Bar und mehrere Gebäude sowie die Wohnung Litwinenkos. Dabei fanden Spezialisten Spuren des radioaktiven Materials. Präsident Putin, den Litwinenko auf dem Sterbebett für seinen Tod verantwortlich gemacht hatte, wies alle Anschuldigungen zurück und sprach von einer "Provokation".

Russische Medien und Abgeordnete orteten hingegen eine gegen Russland gerichtete Verschwörung. Als Urheber wird dabei einer der prominentesten Kritikers und Gegner von Präsident Wladimir Putin ins Spiel gebracht: Der in Großbritannien im Exil lebende Milliardär Boris Beresowski.

Beresowski fiel unter Putin in Ungnade
Beresowski kam nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 bei zweifelhaften Privatisierungsgeschäften zu einem Vermögen und war während der Zeit von Präsident Boris Jelzin eine der einflussreichsten Personen. Unter Putin fiel er dann in Ungnade und floh nach Großbritannien, um einer Anklage wegen Geldwäsche zu entgehen.

Der Tod Litwinenkos sei für Russland und seine Sicherheitsdienste bedeutungslos, hieß es im russischen Fernsehen. Sie hätten keinen Grund, ihn umzubringen. Es handele sich wohl um ein weiteres Spiel von Beresowski, wurde in mehreren Interviews angedeutet. (apa/red)

28.11.2006 16:24