Donnerstag, 30. November 2006

Große Aufregung um Buch über Kampusch:
Werk wird nicht nach Österreich ausgeliefert

  • Unautorisiertes Werk in Großbritannien erschienen
  • Niederländische Übersetzung ab 7. 12. am Markt
    Plus: Anwälte bereiten Klage gegen 'Times online' vor

Das erste unautorisierte Buch über Natascha Kampusch ist in Großbritannien auf den Markt gekommen. Laut Vorabdrucken auf "Times Online" geht es in "Das Mädchen im Keller" um die vermeintlich "unglückliche" Kindheit der 18-Jährigen, ihre achtjährige Gefangenschaft sowie Gerüchte über angebliche Kontakte von Familien-Mitgliedern zu dem Entführer Wolfgang Priklopil. Eine niederländische Übersetzung des Werkes soll bereits am 7. Dezember folgen.

Kampuschs Anwälte wollen alle rechtlich möglichen Schritte gegen das unautorisierte Buch ergreifen. Erste Erfolge dürfte es durch die Androhungen bereits geben. Nach Österreich und Deutschland soll die "Natascha Kampusch-Story" nicht ausgeliefert werden. Da der gesamte Inhalt noch nicht bekannt ist, sei ein Vorgehen noch vor dem Erscheinen des Werkes schwierig, erklärte Rechtsberater Gerald Ganzger.

Rechtliche Konsequenzen angedroht
Mit rechtliche Konsequenzen müssen die Autoren Allan Hall und Michael Leidig sowie der Verlag "Hodder & Stoughton" rechnen, wenn der Inhalt ihres Werks die Privatsphäre der 18-Jährigen verletzt. Sollte sich das Buch nur mit dem Kriminalfall beschäftigen, könnte es hingegen nicht verboten werden.

Inhalte über die "Beziehung" zu ihrem Entführer stellen, genau wie die Bedingungen der Gefangenschaft, eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts dar, so der Anwalt. Alles Erfundene und Fiktive - Dialoge, Zitate oder Behauptungen über den Ablauf - gelten als bedenklich und könnten mit rechtlichen Maßnahmen verfolgt werden. Auch das Cover könnte - so wie derzeit im Internet präsentiert - in einigen Staaten rechtlich problematisch sein, meinte Ganzger. Derzeit scheine dort kein Autorenname auf. Dies könnte den Eindruck erwecken, dass das Buch von Natascha Kampusch selbst verfasst wurde.

In Großbritannien sind Persönlichkeitsrechte juristisch nicht sehr gut verankert. Ein rechtliches Vorgehen ist laut Ganzger daher schwierig und aufwendig. Maßnahmen sind allerdings auch gegen den Vertrieb in anderen Ländern möglich.

Anwälte bereiten Klage gegen "Times online" vor
Natascha Kampuschs Anwälte bereiten eine Klage gegen die Vorabdrucke des unautorisierten Buchs "Mädchen im Keller" ("Girl in the Cellar") auf der Homepage der "Times online" vor. Bereits in der Vorwoche wurden Auszüge des Werkes veröffentlicht. Derzeit werde der Inhalt auf Deutsch übersetzt, sagte Anwalt Gerald Ganzger zur APA. In der kommenden Woche wollen die Rechtsberater in Österreich einen Antrag nach dem Mediengesetz einbringen.

Vorgehen wollen die Anwälte gegen die zahlreichen unrichtigen und angeblichen Aussagen von und über Natascha Kampusch in den Texten. "Es strotzt nur so vor Anspielungen auf ihre Privatsphäre", sagte Ganzger. Die weitere Veröffentlichung von Auszügen dürfte von der Zeitung selbst gestoppt worden sein. Ursprünglich waren vermutlich fünf Teile angesetzt worden, meinte Ganzger. Nach zwei Veröffentlichungen habe es allerdings keine Abdrucke mehr gegeben.

Ob die Auszüge auch in der Printausgabe der britischen Tageszeitungen "The Times" veröffentlicht wurden und ob man auch dagegen rechtliche Schritte einleiten werde, sei noch unklar. Das Blatt dürfte von Donnerstag bis Freitag in Österreich nicht erhältlich gewesen sein, so Ganzger. Ob einfache Lieferschwierigkeiten oder eine "bewusste Maßnahme" dahinter stecken, wisse man nicht. Unbekannt ist auf jeden Fall, ob die Auszüge dort abgedruckt wurden. Er vermute es aber, meinte der Anwalt.

Buchtext liegt Anwälten bereits vor
Gegen das unautorisierte Buch über Natascha Kampusch soll es in Österreich vorerst keine rechtlichen Maßnahmen geben. Dies gelte aber nur, wenn das Werk in der Heimat der 18-Jährigen nicht verbreitet wird, sagte Gerald Ganzger, der Anwalt des Entführungsopfers.

"Ich kenne niemanden, der es bekommen hat", so der Rechtsberater zur Verbreitung in Österreich. Auch beim Online-Handelsunternehmen "Amazon" sei das Buch "Girl in the Cellar" ("Das Mädchen im Keller") mittlerweile nicht mehr bestellbar. Man werde jedoch weiter abwarten und den Vertrieb beobachten.

Gegenüber der Nachrichtenagentur "Reuters" hatte der Verlag "Hodder&Stoughton" mitgeteilt, dass ein Erscheinen des Buches außerhalb Großbritanniens nicht geplant sei. Laut Ganzger soll die "Natascha Kampusch Story" dort kein Verkaufsschlager werden. Bei 500 oder 2.000 verkauften Exemplaren werde man auf jeden Fall keinen Riesen-Prozess starten und dem Werk zusätzliche Werbung verschaffen. Gegen die Vorabdrucke des Buchs auf der Homepage der "Times online"wird unterdessen bereits eine Klage nach dem österreichischen Mediengesetz vorbereitet.

Deutscher Verlag stoppt Buchprojekt
Gestoppt wurde unter dessen ein Projekt des Pendo-Verlags, ein deutsches Buch auf den Markt zu bringen. Bei der Frankfurter Buchmesse habe es ein entsprechendes Angebot von zwei Journalisten gegeben, berichtete ein Sprecher des Verlags. Ob es sich dabei um die deutsche Übersetzung des britischen Werks handle, konnte er nicht beantworten.

Ein derartiges Buch müsse allerdings relativ schnell auf den Markt, so lange die Geschichte von Natascha Kampusch noch in den Köpfen der Menschen präsent sei, so der Sprecher. Durch die rechtliche Situation und die Klagsandrohungen der Anwälte sei dies allerdings nicht möglich. Das Projekt sei daher nicht mehr "spruchreif" und kein Thema mehr. Nicht klar ist allerdings, ob das Vorhaben zu einem späteren Zeitpunkt verwirklicht werden kann. Die rechtliche Situation müsse für den Verlag auf jeden Fall einschätzbar sein, erklärte der Sprecher. (apa/red)

30.11.2006 21:58