Mittwoch, 15. November 2006

Österreichs Öko-Vorzeige-Bezirke

ÖKO-CHECK-ERGEBNISSE. Platz 1 für die Ökoenergie-Region Güssing, Schlusslicht ist Tamsweg/Salzburg.

Die ganze industrialisierte Welt hängt an den Erdöl- und Erdgas-Pipelines wie ein Junkie an der Heroinspritze – nur eine kleine Region am südöstlichsten Zipfel Österreichs hat sich losgesagt von der fatalen Abhängigkeit von Ölscheichs und Gas-Baronen: Güssing, eine Stadt mit 4.000 Einwohnern und der gleichnamige Bezirk mit 27.000 Bürgern, hat den 100-prozentigen Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung geschafft – und sich mit dieser zukunftsweisenden Strategie buchstäblich aus dem „toten Eck“ manövriert. „1988 waren wir aufgrund der Grenze zum Eisernen Vorhang sowie der hohen Abwanderungs- und Pendlerrate die ärmste Region Österreichs. Heute sind wir das Ökoenergie-Musterland“, freut sich Bürgermeister Peter Vadasz (ÖVP) über die positive Wende.

Umweltfreundlichster Bezirk.
Und Vadasz, seit 1992 im Amt, hat auch noch einen anderen Grund zur Freude: Güssing ging aus dem großen Öko-Check von NEWS & WWF (www.fussabdruck.at), an dem in den vergangenen drei Wochen mehr als 10.000 ÖsterreicherInnen online teilgenommen haben, als Sieger hervor. Mit 4,65 Hektar pro Einwohner weist der südburgenländische Bezirk den kleinsten „ökologischen Fußabdruck“ – das Maß für den menschlichen Ressourcenverbrauch – unter allen österreichischen Bezirken auf (siehe Tabelle).

Zum Vergleich: Der österreichweite Durchschnitt beträgt 5,24 ha – und bestätigt damit die Zahlen des WWF-„Living Planet Report 2006“: In der weltgrößten Umweltstudie zum Zustand des Planeten (s. NEWS Nr. 42/06) weist Österreich – auf Basis der Daten aus dem Jahr 2003 – einen Fußabdruck von 4,9 ha auf. „Dass wir inzwischen bei 5,2 liegen, ist eine Fortschreibung des Trends, denn zwischen 2001 und 2003 erhöhte sich unser Fußabdruck ebenfalls um 0,3 Hektar“, meint Martin Kotynek, beim WWF Österreich für das Programm Konsum & Nachhaltigkeit zuständig.

             

Energie und Ernährung als Probleme.
Die Auswertung der Testergebnisse erbrachte zwei Problembereiche, die den Fußabdruck der ÖsterreicherInnen weit über den global nachhaltigen Wert von 1,8 Hektar hinauftreiben. Kotynek: „Der Verbrauch fossiler Energie macht den Großteil des österreichischen Fußabdrucks aus – und hat auch den größten Einfluss auf das Klima. Daher haben Teilnehmer mit einem hohen Fußabdruck vor allem Öl- oder Gasheizung, Teilnehmer mit geringerem Fußabdruck setzen zumeist Fernwärme ein und achten auch mehr auf die regionale Herkunft ihrer Nahrungsmittel.“

Schlusslicht Tamsweg. Besonders deutlich wird diese Diskrepanz beim Vergleich von Sieger Güssing mit Schlusslicht Tamsweg (der Bezirk im Salzburger Lungau bringt es auf einen Fußabdruck von beachtlichen 6,08 ha). „Während in Güssing sämtliche Testteilnehmer einen Fernwärmeanschluss haben, wird in Tamsweg vorwiegend mit Öl und Strom geheizt“, analysiert Kotynek. Außerdem benützen die Güssinger weitaus häufiger öffentliche Verkehrsmittel als die Tamsweger, von denen viele über die Tauernautobahn in die Landeshauptstadt Salzburg oder nach Kärnten pendeln (müssen): 80 Prozent der Teilnehmer in Tamsweg fahren mehr als 1.000 Kilometer pro Monat mit dem Auto.

Für WWF-Geschäftsführerin Hildegard Aichberger liefert der Öko-Check eine Bestätigung: „Das Ergebnis zeigt: Wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schafft – etwa Fernwärme, öffentliche Verkehrsmittel –, ist es für die Bürger leichter möglich, umweltbewusst zu leben. Gleichzeitig muss aber auch die Bereitschaft jedes Einzelnen da sein, mit kleinen Veränderungen im Alltag Großes zu bewirken.“

Öko-Tipps für den Alltag.
Aus diesem Grund hat der WWF Tipps zusammengestellt, wie jede(r) seinen Alltag umweltfreundlicher gestalten kann:


  • Standby-Betrieb bei Fernseher, Videorecorder etc. ist der „Stromfresser-Modus“ – Elektrogeräte sollten immer ganz ausgeschaltet werden.
  • Verwenden Sie Energiesparlampen – auch Ihrer Stromrechnung zuliebe.
  • Kaufen Sie die energieeffizientesten am Markt erhältlichen Geräte (www.topprodukte.at).
  • Wechseln Sie zu einem ökologischen Stromanbieter (www.oekostrom.at).
  • Lebensmittel aus Österreich sichern kurze Transportwege.
  • Saisonales Obst und Gemüse – schmeckt besser und kommt nicht von weit her.
  • Essen Sie vermehrt vegetarisch – die Fleischproduktion braucht zehnmal mehr Ressourcen als der Gemüseanbau.
  • Mehrwegflaschen helfen Müllberge zu verringern und sparen Energie.
  • Kaufen Sie Holz- und Papierprodukte mit dem umwelt- und sozialverträglichen FSC-Gütesiegel.
  • Öffentliche Verkehrsmittel sparen Sprit & Frust im Stau.


Von Andreas Linhart

15.11.2006 17:04