Schikanen an Schulen: Anhaltende Serie
von Schüler-Selbstmorden erschüttert Japan
- Zunehmendes soziales & gesellschaftliches Problem
- PLUS: Extra eingerichtete Hotlines sind überlastet

Eine Serie von Selbstmorden unter japanischen Schülern, die Opfer von Schikanen durch Mitschüler wurden, erschüttert Japan. In Tokios Nachbarprovinz Saitama brachte sich ein 14-Jähriger um, nachdem er von einem Mitschüler um Geld erpresst worden war. Er hatte sich noch an einen Berater an seiner Schule gewandt. Eine Woche später fand ihn seine eigene Mutter erhängt zu Hause in einem Abstellraum. Am selben Tag sprang ein zwölfjähriges Mädchen vom achten Stockwerk eines Gebäudes in Osaka in den Tod. Auch sie soll Opfer von "ijme", Schikanen, gewesen sein.
"Ijime" ist seit längerem ein ernstes Problem in Japan. Die jüngsten Selbstmorde haben das Thema erneut in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion gerückt. Ein neues Expertengremium der Regierung hat Beratungen über Wege zur Lösung der Probleme aufgenommen. Opfer beklagen, dass frühere Kampagnen der Regierung lediglich dazu führten, dass die Probleme oft verheimlicht werden - auch um das Ansehen der Schule nicht zu beschädigen. Die offiziellen Statistiken zur Schikane spiegelten die Realität nicht wider. Die Regierung will nun in neuen Erhebungen das ganze Ausmaß der Probleme erfassen.
An den Schulen werden Beratungskräfte eingesetzt, Telefon-Hotlines wenden sich an Betroffene unter 18 Jahren. Allein in Tokio gingen bei einem Telefon-Hilfsdienst in nur einer Woche 27.000 Anrufe ein, wobei die überforderten Mitarbeiter nur einen Bruchteil entgegennehmen konnten. Die Zeitungen berichten fast täglich über die "ijime"-Problematik und drucken Beiträge von Prominenten oder Psychologen, in denen sie junge Leser ermutigen, ihr Leben zu schätzen. Außerdem sollten die Jugendlichen wissen, dass sich Menschen um sie sorgten. In Tokio setzten einzelne Polizeiwachen Streifen um Schulen ein, um Zeichen von Schikanen auszumachen.
Hoher Stress
"Japanische Kinder sind heutzutage einem hohem Stress ausgesetzt", sagte Aiko Shibata, Gründerin eines unabhängigen Kindergartens in Yokohama. Viele Eltern erzögen ihre Kinder schon von früh an dazu, "gute Kinder" in den Augen der Erwachsenen zu werden. Die Kinder versuchten ständig, sich dem Idealbild ihrer Eltern anzupassen. Es sei ein großer Stress für die Kinder, dass sie nicht akzeptiert würden, wie sie seien, sagte die Pädagogin im Gespräch mit dpa. Viele Kinder litten heutzutage darunter, dass sie sich selbst nicht mögen. "Wenn man unzufrieden mit sich selbst ist, richtet man den Stress gegen die Schwächeren", erklärte Shibata.
Meist sind es verbale Formen der Aggression, schwere Gewalt tritt selten auf. Bereits Mitte der achtziger Jahre hatte eine Zunahme von Selbstmorden, bei denen Schüler in Abschiedsbriefen oder Tagebüchern auf erlittene Schikane hinwiesen, eine öffentliche Diskussion ausgelöst. Das Schikane-Problem wurde in der Bildungsreformdebatte als Symptom eines "überheizten Prüfungswettbewerbs" bewertet. Die Zugangschancen zu den erforderlichen Bildungsinstitutionen hängen von nur zwei Zugangsprüfungen ab, deren Ergebnisse im weiteren Leben kaum aufzuholen sind.
Auch in anderen Ländern wie in Deutschland, wo ein hoher Bildungsabschluss als gesellschaftliches Ziel gilt, unterliegen Schüler einem beträchtlichen Bildungswettbewerb. Schikanen unter Schülern gibt es auch dort, allenfalls das "Ausschließen aus der Gruppe" scheint in Japan häufiger praktiziert zu werden. Vergleichenden Studien zufolge sind in Japan vermutlich sogar weniger Kinder von hartnäckiger Schikane betroffen als anderswo. Überdies liege die Jugendkriminalität im unteren Bereich der Skala der Industrieländer. Solche Befunde können in Japan jedoch niemanden beruhigen.
(apa/red)
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