Massenentführung im Irak: Schicksal der meisten Geiseln in Bagdad weiter unklar
- Laut Bildungsministerium bisher nur 40 freigelassen
- PLUS: Wieder Tote und Verletzte bei Anschlägen
Einen Tag nach der spektakulären Massenentführung von mehr als 100 Beamten in Bagdad ist das Schicksal der meisten Geiseln immer noch unklar. Ein Sprecher des Hochschulministeriums sagte, bisher seien etwa 40 Beamte freigekommen. Diese seien nicht von der Polizei befreit, sondern von den Geiselnehmern freigelassen worden. Das irakische Innenministerium erklärte dagegen, 37 Geiseln seien "befreit" worden. Allerdings sei die Zahl der Entführten insgesamt niedriger gewesen, als vom Hochschulministerium angegeben, so dass sich jetzt nur noch eine "kleinere Anzahl von Menschen" in der Gewalt der Kidnapper befinde.
Die irakische Regierung bemühte sich, die Entführung herunter zu spielen. Es handle sich bei der Geiselnahme nicht um Terrorismus, sondern um einen Konflikt rivalisierender Milizen, sagte Ministerpräsident Nuri Al-Maliki in einer vom Fernsehen ausgestrahlten Erklärung. Er sprach von "unwissenden Menschen, die nicht wissen, was sie anrichten".
Die Mitarbeiter des Instituts für Kulturforschung waren am Dienstag aus ihren Büros heraus verschleppt worden. An der Entführung sollen Angehörige einer Sondereinheit des Innenministeriums beteiligt gewesen sein. Die Entführung, über deren Ausmaß weiter Unklarheit herrschte, verstärkt den Druck auf den Regierungschef, gegen sunnitische und schiitische Milizen vorzugehen.
Nach wie vor gehen die Aussagen über die Zahlen der Geiseln weit auseinander. Ein Mitarbeiter Malikis sprach von etwa 40 Verschleppten, deren Mehrheit wieder freigelassen worden sei. Angaben eines Regierungssprecher zufolge wurden 70 Menschen entführt. Das Bildungsministerium bekräftigte dagegen, es seien mindestens 100 Männer als Geiseln genommen worden. 40 von ihnen seien inzwischen frei gekommen.
"Sie schlugen uns, sie beleidigten uns und dann ließen sie uns laufen", zitierte der Ministeriumssprecher einen freigelassenen Hausmeistergehilfen. Ein von Schiiten betriebener Fernsehsender berichtete, 25 Menschen seien noch vermisst. Nach der offenbar minutiös geplanten Geiselnahme wurden nach Angaben des Innenministeriums fünf Polizeiführer festgenommen und verhört. Augenzeugen hatten berichtet, die Polizei habe der Entführung tatenlos zugesehen.
Wieder mehrere Tote bei Anschlägen
Unterdessen kamen bei drei Sprengstoffanschlägen in Bagdad mindestens elf Menschen ums Leben. Nach Angaben von Polizei und Augenzeugen explodierte eine Autobombe bei einer Tankstelle in der Nähe des Innenministeriums. Zehn Menschen starben, 33 weitere wurden der Polizei zufolge verletzt. Im Al-Amil-Viertel im Westen der irakischen Hauptstadt tötete ein Sprengsatz einen weiteren Zivilisten. Drei Menschen wurden verletzt. Eine zweite Autobombe detonierte in der Nähe des Yarmouk-Krankenhauses, dessen Ärzte täglich Dutzende von Anschlags- und Mordopfer behandeln. Zu möglichen Opfer dieser Explosion lagen zunächst keine Informationen vor.
Im nordirakischen Mossul wurden nach Polizeiangaben eine Reporterin der arabischen Zeitung "Al-Masar" und ihr Fahrer von Unbekannten auf offener Straße erschossen. Erst am Montag war einer ihrer Kollegen getötet worden. Seit der US-Invasion im März 2003 wurden mehr als 100 Journalisten und Mitarbeiter von Medien, sowie für sie arbeitende Fahrer und Übersetzer getötet.
Hohe Opferzahl setzt Bush unter Druck
Die Zahl der Todesopfer unter den US-Soldaten stieg unterdessen auf 2.857. Am Dienstag erlagen vier Soldaten ihren Verletzungen, die sie bei Kämpfen mit Rebellen in der westlichen Provinz Anbar erlitten hatten.
Die steigende Opferzahl hatte US-Präsident George W. Bush zuletzt innenpolitisch stark unter Druck gesetzt. Vor allem seine umstrittene Irak-Politik gilt als Ursache für die Niederlage seiner Republikaner bei der Kongresswahl in der Vorwoche. Der neu gewählte Mehrheitsführer im US-Senat, Harry Reid, will die Regierung nun zu einem Kurswechsel in der Irak-Politik drängen. Er werde sich so schnell wie möglich für einen schrittweisen Abzug der US-Truppen aus dem Irak einsetzen, sagte der Demokrat der "Washington Post".
(apa/red)
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