"Ob gegen Saddam oder jemand anderes": Premier Blair lehnt Bagdader Todesurteil ab
- US-Präsident: 'Leistung für junge Demokratie im Irak'
- EU warnt vor Hinrichtung: "Ex-Diktator wird Märtyrer"
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Von Monarchie über Diktatur zur Demokratie
Der britische Premierminister Tony Blair hat sich kritisch über die Todesstrafe gegen Hussein geäußert. Auf die Frage, was er von dem Urteil halte, sagte Blair, Großbritannien lehne die Todesstrafe ab, "ob es Saddam ist oder jemand anders". Zugleich erklärte er jedoch, dass der Prozess der Welt die Brutalität des früheren Machthabers in Erinnerung gerufen habe. Das Verfahren "gibt uns die Chance, noch einmal zu sehen, wie die Vergangenheit im Irak war, die Brutalität, die Tyrannei, die hunderttausenden von Menschen, die er (Saddam Hussein) getötet hat, die Kriege."
US-Präsident George W. Bush hat das Urteil gegen Saddam Hussein hingegen als bedeutende Errungenschaft für die Demokratie im Irak gewürdigt. Die Verurteilung sei "ein Meilenstein für das Bestreben des irakischen Volks, die Herrschaft eines Tyrannen durch die Herrschaft des Rechts zu ersetzen".
Das Urteil sei eine bedeutende Leistung für die junge Demokratie des Iraks und seine verfassungsmäßige Regierung, sagte Bush auf dem Flughafen von Waco in Texas, von wo aus er nach einem Wochenende auf seiner Ranch zu einer Wahlkampftour aufbrach.
Bei einem Wahlkampfauftritt im Staat Nebraska erklärte Bush: "Meine Entscheidung, Saddam Hussein zu entfernen, war richtig, denn die Welt ist deshalb in einem besseren Zustand", sagte er unter dem lauten Applaus seiner Anhänger.
Urteilsverkündung absichtlich vor Kongresswahl?
Der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Snow, wies unterdessen jegliche Spekulation als "absolut verrückt" zurück, dass die Urteilsverkündung absichtlich zwei Tage vor der US-Kongresswahl angesetzt worden sei, um Bush Republikanern einen Vorteil zu verschaffen. Allerdings sollten sich die Wähler in den USA ermutigt von dem Urteil fühlen. Die USA haben stets bestritten, direkt an dem Prozess gegen Saddam Hussein beteiligt zu sein.
Europarat warnt vor Hinrichtung
Der Europarat hat vor einer Vollstreckung des Todesurteils gegen Saddam Hussein gewarnt. Der irakische Expräsident "ist ein Krimineller, der nicht zu einem Märtyrer gemacht werden darf", erklärte der Generalsekretär des Europarates, Terry Davis. Seine Hinrichtung wäre sinnlos und falsch. "Das irakische Volk braucht Gerechtigkeit, keine Vergeltung", erklärte Davis. Ein von Gewalt und Tod erschüttertes Land brauche nicht noch mehr Gewalt, und vor allem keine staatlich organisierte Exekution.
Australien begrüßt Strafverfahren gegen Hussein
Der konservative Premierminister von Australien begrüßte das Strafverfahren gegen den früheren irakischen Machthaber Saddam Hussein, auch wenn er selbst im Allgemeinen gegen die Todesstrafe sei. "Der ganze Prozess ist ein Zeichen demokratischer Hoffnung, und so sollte die Welt dies auch betrachten", sagte John Howard in Canberra. Australien steht seit Beginn der US-Invasion im Irak fest an der Seite Washingtons und hat 1300 Soldaten im Irak. Australien selbst hat die Todesstrafe abgeschafft.
"Es ist etwas Heldenhaftes, wenn eine Nation, die durch so viele Schmerzen und Schwierigkeiten gegangen ist, sich trotzdem anstrengt, diesem Monster einen fairen Prozess zu geben", sagte Howard. "Das zeichnet ein Land aus, dass verzweifelt die Demokratie will."
Exil-Iraker feiern Todesurteil
Exil-Iraker in Australien gingen auf die Straße, um das Urteil zu feiern. "Ein großer Tag für das irakische Volk", sagte der Präsident des Rats irakischer Migranten, Kassim Abood im Rundfunk. "Endlich ist der Tag gekommen, an dem das irakische Volk der Welt sein Urteil über Saddam präsentiert."
Für Polens Kaczynski ist Todesstrafe "einziges mögliches Urteil"
Der polnische Staatschef Lech Kaczynski hat die Todesstrafe für den ehemaligen irakischen Staatschef Saddam Hussein als das "einzige mögliche Urteil" bezeichnet. "Weil die Todesstrafe in arabischen Ländern in Kraft ist, war die Todesstrafe, nach dem Saddam Hussein schuldig gesprochen war, das einzige in Frage kommende Urteil", sagte er vor Journalisten auf dem Weg von der litauischen Hauptstadt Vilnius nach Warschau, wie die Nachrichtenagentur PAP meldete. Der Ex-Staatschef habe "wissend hunderttausende Menschen vernichtet", sagte Kaczynski zur Begründung.
Die finnische EU-Ratspräsidentschaft hatte in Helsinki eine Erklärung veröffentlicht, dass die Europäische Union grundsätzlich gegen die Todesstrafe sei. Dies gelte auch für den Fall Saddam Husseins. Kaczynski bezeichnete sich Anfang August als "Anhänger der Todesstrafe" und verlangte eine EU-weite Debatte über das Thema.
Ausgangssperre in Bagdad verlängert
In Bagdad haben die Behörden die Ausgangssperre aus Furcht vor Ausschreitungen in Folge der Verurteilung Saddam Husseins zunächst auf unbestimmte Zeit verlängert. "Besser, wir weiten die Ausgangssperre aus, als dass mehr Anschläge verübt werden", sagte ein Regierungsmitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters. Korrespondenten berichteten von vereinzelten Explosionen rund um die streng bewachte grüne Zone Bagdads. Insgesamt wirkte die verregnete Stadt am Morgen nach der Urteilsverkündung allerdings weitgehend ruhig. Auf den Straßen war nur wenig los, Zeitungen gab es nicht zu kaufen.
Das US-Engagement im Irak, der bisher das Leben von mehr als 2.800 amerikanischen Soldaten gefordert hat, ist in den USA in den letzten Monaten immer unpopulärer geworden und wurde zu einem wesentlichen Thema im Wahlkampf.
(apa/red)
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