Freitag, 10. November 2006

Kinder-Sexskandal: Missbrauchsopfer und NEWS-Reporter überführten Kinderschänder

  • Wie Polizei und NEWS Pädophilen überführten
  • In Chaträumen auf der Suche nach Kindern

Stefan S. suchte im Internet nach Minderjährigen. Für Sex. NEWS und ein früheres Missbrauchsopfer brachten die Polizei auf seine Spur.

Etwas derart Abscheuliches und Grauenvolles, dass es kaum vorstellbar ist. Stefan S. (Name von der Redaktion geändert) ist Mitte zwanzig, hat eine hagere Gestalt, ist groß, schlaksig, wirkt unauffällig. Vor einem Café in Wien-Donaustadt stapft er nun unruhig auf und ab, sichtlich angespannt. In ein paar Minuten wird er Susanne anrufen, sie fragen, wo sie sei, und anschließend zu ihr ins Café kommen. Sie wird dann jenem Mann gegenübersitzen, den sie virtuell längst zu kennen glaubt. Virtuell, aus den Weiten des Internets, dort, wo alles begann und sie Stefan S. zum ersten Mal begegnete. In der Folge wandte sich die 44-jährige Niederösterreicherin mit einer schier unglaublichen Geschichte an NEWS:

In diversen Chaträumen seien Pädophile auf der Suche nach Kindern, würden diese in unverfängliche Gespräche verwickeln und letztlich versuchen, Treffen mit ihnen zu arrangieren. "Einer", so Susanne damals, "hat mich als Mutter angesprochen, mit mir anfangs ganz normal geplaudert und irgendwann zugegeben, dass er auf kleine Mädchen steht." Susanne wusste sofort, was das bedeutet. Sie selbst wurde als Kind vom eigenen Vater über Jahre hinweg missbraucht: "Im Alter von drei, wie ich heute weiß, zum ersten Mal."

Der Kindheit beraubt, mit Wunden übersät, die niemals völlig heilen, brauchte Susanne, von ständigen Alpträumen und Flashbacks begleitet, Jahre, ja Jahrzehnte, um ein halbwegs normales Leben zu führen. "Um", wie sie es ausdrückt, "endlich nicht mehr Opfer zu sein." Gemeinsam mit anderen Betroffenen gründete sie im Mai 2006 den Verein Schutzengerl.at, der missbrauchten Kindern als Anlaufstelle dient.

Auf der Suche nach Kindern
Und dann, im vergangenen September, saß Susanne nachts vor dem Computer und chattete mit einem Mann, der offen zugab, auf Kindersuche zu sein, und in ihr alsbald eine vermeintliche Vermittlerin sah. Sie saß virtuell einem Mann gegenüber, der hoffte, sie wäre bereit, ihm ihre achtjährige Tochter "zur Verfügung zu stellen". Einem Mann, der danach fragt, ob "sich die Kleine wehren wird" und wie er "bei ihr vorgehen soll". Einem Spinner? Einem Verrückten? Einem Narren? Oder war dieser Mann doch wirklich gefährlich?

Klar schien: Rein rechtlich bestand gegen den ominösen Chatter keinerlei Handhabe. Noch nicht. Technisch wäre es zwar kein Problem gewesen, die Wohnadresse des Mannes zu ermitteln. Denn jeder, der im Netz surft, ist über die so genannte IP-Adresse rückverfolgbar. Die Internetanbieter müssen auf Anfrage der Polizei die Personaldaten dahinter herausgeben. "Der Chatter könnte sagen", erklärt Harald Gremel, Internetermittler im Bundeskriminalamt, "alles sei nur ein Spaß gewesen, bloße Verbalerotik quasi, und wir müssten ihn gehen lassen."

NEWS begann mit intensiven Recherchen und öffnete die Tür zu einer Welt, in der sich Abgründe auftun. Und das nicht etwa in irgendwelchen Nischen des Netzes, sondern an Plätzen, die tagtäglich von Tausenden Kindern und Jugendlichen besucht werden.

Dort trifft Susanne auf den ominösen Chatter, dessen Pläne allmählich konkreter werden. Er drängt die Frau zu einem baldigen Treffen, gibt seinen Namen und die Telefonnummer preis und begeht doch entscheidende Fehler. Er mailt an mehrere Chatter eindeutiges kinderpornografisches Material - Bilder, Fotogalerien und Filme, die an Brutalität kaum zu übertreffen sind. NEWS kann dies belegen, schaltet die Polizei ein.

Missbrauchs-Fotos.
"Bereits der bloße Besitz solchen Materials ist strafbar", erklärt Fahnder Harald Gremel, "kommt die Weitergabe dazu, beträgt das Strafmaß drei Jahre." Allein im Vorjahr gab es 330 angezeigte Fälle - Tendenz stark steigend. "Hinter jedem dieser Fotos steckt ein missbrauchtes Kind - niemand braucht zu glauben, er bliebe im Internet unentdeckt", warnt Gremel, der es satt hat, von Tätern zu hören, sie konsumierten doch "bloß Fotos". Fotos, die Stefan S. hingegen längst nicht mehr reichten.

Er will Susanne treffen. Nicht länger im Chat, sondern in der Wirklichkeit. Und zuvor soll sie, wie er schreibt, "der Kleinen sagen, was auf sie zukommt, denn dann", so S., "kann sie sich drauf einstellen".

Und nun sitzt er mit Susanne in einem Café am Wiener Stadtrand. NEWS hat die Frau verkabelt, hört jedes seiner Worte. Er raucht Kette, spricht leise. Sätze wie: "Nehmen wir der Kleinen noch was Süßes mit, dann freut sie sich", werden dahingesagt, als ginge es auf ein Geburtstagsfest.

"Ich erklärte ihm", erinnert sich Susanne, "wir könnten das Ganze auch abblasen." S. zieht an seiner Zigarette, zögert keinen Augenblick und antwortet: "Nein, ich will das - das ziehen wir durch!"

Er wirkt dabei wie ein unsicherer junger Bursch, der es zwar nicht schafft, Susanne in die Augen zu blicken, aber dennoch genau weiß, was er will. Er habe nie den richtigen Draht zu Frauen gefunden, beichtet er ihr, treibe sich schon seit fünf Jahren in Chats herum und habe auch schon mehrmals Minderjährige missbraucht. In Erwartung der Nächsten brechen die beiden in Richtung Susannes angeblicher Wohnung auf, die nur ein paar hundert Meter entfernt ist. In Wirklichkeit liegen in der eigens angemieteten Wohnung bereits Kriminalbeamte auf der Lauer und warten darauf, Stefan S. festzunehmen.

Die Verhaftung erfolgte unspektakulär. Stefan S. blieb völlig ruhig, versuchte nicht einmal zu erklären, wofür es ohnedies keine Erklärung gibt. Er sitzt nun in Untersuchungshaft, wartet auf seinen Prozess.

Die ganze Story plus das Interview mit Susanne lesen Sie im neuen NEWS!

10.11.2006 13:37