Kaltes Wetter und wenig Geld: Immer mehr Österreicher lieben kuscheliges Cocooning
- Einigeln gibt ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit
- Internet-Boom und Trend zu warmen Farben helfen
"Das ist mit Sicherheit für längere Zeit mein letztes Clubbing", meint die 28-jährige Claudia bei der Bacardi Night in einer alten Fabrikshalle in Wien. Den Gedanken, sich in Zukunft bei kalten Temperaturen ins knappe Tanzoutfit zu hüllen, verwirft sie schnell wieder. "Da bleib ich lieber daheim." Der 32-jährige Gerhard macht es sich in der kühleren Jahreszeit ebenfalls lieber zu Hause gemütlich, als sich in Lokalen die Nächte um die Ohren zu schlagen. Aber auch Österreichs Formel 1-Ikone und Airline-Chef Niki Lauda meint: "Dann gibt's nur Niki und Birgit (Anm. Lebensgefährtin Birgit Wetzinger)." Die Österreicher lieben Cocooning.
Cocooning (engl.: einspinnen, wie die Larve im Kokon) feiert seit etwa fünf Jahren einen Höhenflug. Während es in den achtziger Jahren hip war, herumzujetten, ständig auf Partys zu sein und am Wochenende wegzufahren, macht man es sich nun in der kalten Jahreszeit lieber daheim gemütlich. Ein Grund für den Rückzug ins Heimelige liegt daran, dass sich im Herbst und Winter der Biorhythmus ändert und auf Grund des wenigen Lichts auf Sparflamme geht, meint die Psychologin Veronika Holzgruber.
Aber nicht nur der Biorhythmus ist schuld am Einigeln. Laut der Psychologin ist Cocooning die Reaktion auf eine wirtschaftlich unruhige Zeit. Man kann sich das Fortgehen nicht mehr so leisten wie früher. "Bereits ein Kinoabend kann teuer werden. Warum kaufen sich denn sonst die Leute verstärkt Heimkinoanlagen", gibt Holzgruber zu bedenken.
Internet-Boom und Trend zu warmen Farben
Fürs richtige Wohlfühlen wird die Inneneinrichtung der Wohnungen und Häuser attraktiver gemacht. Den Trend zu warmen Farben gibt es schon seit Jahren. Kalte Couleurs wie Blau oder Schwarz sind den braunen, gelben, roten und orangen Tönen gewichen.
Und mit Hilfe des Internets braucht man gar nicht mehr außer Haus gehen: "Man kann sich alles kommen lassen oder übers Netz erledigen: Essen, Bücher, Onlinebanking. Aber auch Kontakte können über Chats gepflegt werden."
Auch wenn die große Gefahr der Vereinsamung besteht, das Gefühl, sich zurückziehen zu können, sei ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit, meint Holzgruber. Als bedrohlich wirkt hingegen die unüberschaubare, schnelle Welt draußen. Solche Verunsicherungen sind auch durch Katastrophen wie den 11. September entstanden, so Holzgruber.
(apa/red)
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