Ein Jahr nach Pariser Krawallen: Neuerliche Anschläge erschüttern die Vororte der Stadt
- Busse angezündet und Autos mit Steinen beworfen
- Villepin fordert harte Bestrafung der Verantwortlichen
·Frankreich fürchtet neue Gewalteskalation
Einwanderer-Viertel gleichen einem Pulverfass

Vor dem ersten Jahrestag der Vorstadtunruhen in Frankreich haben Jugendliche bei Paris erneut Linienbusse überfallen und angesteckt. Zwei Fahrzeuge brannten aus, in einem Fall gelang es dem Fahrer, die Flammen zu löschen. Die erneuten Übergriffe schürten die Spannungen vor dem Jahrestag des Beginns der wochenlangen Unruhen. Premierminister Dominique de Villepin forderte "sofortige und exemplarische Strafen" für die Randalierer.
"Wir werden in unserem Land keine rechtsfreien Zonen dulden", sagte Villepin in Cergy nordwestlich der Hauptstadt. Er wies Vorwürfe zurück, seine Regierung habe im vergangenen Jahr zu wenig getan, um die soziale Lage für die Bewohner der Vorstädte zu verbessern.
Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie sagte, die jüngsten Vorfälle zeigten, dass "man töten wolle". Die Übergriffe gingen auf das Konto eines "harten Kerns", die überwiegende Mehrheit der Menschen in den Vorstädten wolle friedlich und in Sicherheit leben, sagte Alliot-Marie dem Sender I-télé.
Eine Gruppe von sechs bis zehn teilweise vermummten Angreifern überfiel den Bus der Linie 258 in der westlichen Vorstadt Nanterre, wie die Polizei mitteilte. Sie zwangen die Fahrgäste, den Bus zu verlassen und setzten das Fahrzeug laut Polizei mit Hilfe von Brandbeschleunigern in Brand. Die Feuerwehr konnte nicht verhindern, dass der Bus völlig zerstört wurde.
Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich in Athis-Mons südlich von Paris. Doch dort gelang es Fahrer, ein Ausbrennen des Busses zu verhindern. Ein Dutzend Vermummte stiegen in einen Bus der Linie 122 in Montreuil östlich der Hauptstadt und ließen die Passagiere aussteigen. Wie die Verkehrsbetriebe RATP weiter mitteilten, bedrohten sie den Fahrer mit einer Schusswaffe und fuhren mit dem Bus davon. Nach einer Spritzfahrt durch ein Trabantenviertel, bei der sie Sachschaden verursachten, steckten sie den Bus in Brand.
Auch Bagnolet im Département Seine-Saint-Denis griffen ein Dutzend Vermummte einen Bus an. Fünf von ihnen waren demnach mit Pistolen bewaffnet. Sie zwangen den Fahrer und die Passagiere in der Stadt nordöstlich von Paris zum Aussteigen und setzten das Fahrzeug in Brand. Niemand wurde verletzt.
Zu Ausschreitungen kam es erneut in Grigny südwestlich der Hauptstadt. Rund 50 Jugendliche warfen gegen 20.30 Uhr in dem Viertel Grande Borne Steine auf vorbeifahrende Autos auf einer Nationalstraße, wie die Polizei mitteilte. Nach dem Anrücken der Bereitschaftspolizei zogen sie sich zurück. Mindestens ein Auto wurde in Brand gesetzt. Laut Polizei hatten die Angreifer vergeblich versucht, sich eines Linienbusses zu bemächtigen. Es gab keine Festnahmen. Bereits am Sonntagnachmittag war es in Grande Borne zu Gewalttaten gekommen. Dabei war ein Bus und weitere Fahrzeuge in Brand gesetzt worden.
Am 27. Oktober jährt sich der Beginn der landesweiten Vorstadt-Krawalle, die Paris im November 2005 zur Verhängung des Ausnahmezustands gezwungen hatten. Mehr als 9.000 Fahrzeuge gingen damals während der drei Wochen dauernden Unruhen in Flammen auf; fast 3.000 mutmaßliche Randalierer wurden festgenommen. Der Polizeigeheimdienst Renseignements Généraux (RG) fürchtet nach einem Anfang der Woche bekannt gewordenen Bericht zu dem Jahrestag ein Wiederaufflammen der Krawalle.
Wegen der wiederholten Angriffe von Jugendlichen wurde der Nachtbusverkehr in den Vorstädten südlich von Paris bis auf weiteres eingestellt. Die Verkehrsbehörde des Départements Essone begründete die Entscheidung mit Sicherheitsgründen und zahlreichen Zwischenfällen der jüngsten Vergangenheit. Erst am Mittwoch sei in einem Bus eine Tränengasgranate gezündet worden, sagte der Präsident der Gesellschaft Transports Intercommunaux Essonniens (TICE), Stéphane Beaudet, am Abend dem Radiosender France Info.
(apa/red)
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