Montag, 16. Oktober 2006

Ungarn-Aufstand 1956: Österreicher von gemeinsamem Besatzungserlebnis geprägt

  • Flüchtlinge Ausgangspunkt für "Spendenbereitschaft"

Für die positive Aufnahme der ungarischen Flüchtlinge in Österreich 1956 ist vor allem das gemeinsame Erlebnis der fremden Besatzung ausschlaggebend gewesen. Dieser Ansicht ist der Historiker Georg Kastner vom Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Der Flüchtlingsstrom nach dem Ungarnaufstand im Oktober habe daher das "Ungarnbild verbessert" und eine "gewisse Solidarität" mit dem Nachbarn entwickelt, die bis heute nachwirkt: "Das Bild von Ungarn in Österreich ist ja kein Schlechtes."

1956 sei der Ausgangspunkt für die "bekannte Spendenbereitschaft" der Österreicher gewesen - selbst Benzin sei damals gespendet worden. Diese generelle Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge aus Krisengebieten in der Region ist nach Ansicht Kastners auch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder zu erleben gewesen: 1968 mit den Emigranten aus der Tschechoslowakei, 1981 mit den Polen, Mitte der 1990er Jahre mit den Flüchtlingen aus Bosnien. Es habe in diesen Fällen immer ein Bewusstsein gegeben: "Die können nirgendwo anders hin, die können nur zu uns."

Die "humanitäre Rolle" der Flüchtlingsaufnahme sei auch im Jahr 1956 zentral für Österreichs Verständnis der damals noch neuen Neutralität gewesen, insbesondere gegenüber der Sowjetunion. Die Wiener Regierung sei "sehr mutig" gewesen, als sie bereits am 28. Oktober, fünf Tage nach Ausbruch der Revolution in Ungarn, in Moskau förmlich gegen das Eingreifen sowjetischer Truppen protestiert habe, meint der Historiker.

Der Aufmarsch der sowjetischen Panzer in Ungarn hatte ja auch in Österreich die Angst steigen lassen, die Sowjetunion könnte die Grenze übertreten und das gerade erst frei gewordene Land erneut besetzen. Dies sei "lange Zeit als eher unwahrscheinlich" angesehen worden, doch nach neueren Forschungen habe es "offenbar Überlegungen in Moskau" in diese Richtung gegeben, die dann allerdings wieder verworfen wurden, erklärt Kastner.

Österreich nahm mit der Aufnahme der Flüchtlinge zudem bedeutende Probleme in Kauf: bereits im November 1956 teilte das Land der UNO mit, dass es in den vergangenen zehn Jahren (1946-56) rund eine halbe Million Flüchtlinge aufgenommen habe, von denen 190.000 immer noch in Österreich seien. In dem Schreiben bitte man um eine schnelle Übernahme von Flüchtlingen durch andere Staaten, sowie um materielle Hilfe, schildert Kastner. Nach einiger Zeit hätten sich allerdings schon gewisse "Automatismen" entwickelt, etwa dass man Emigranten aus Ungarn gleich an der Grenze in Züge gesetzt und ins westliche Ausland gefahren habe. (apa)

16.10.2006 15:58
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