Zum ersten Mal für Türkei: Literatur-Nobelpreis geht heuer an Orhan Pamuk
- Streit der Kulturen als Hauptthema seiner Werke
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·In Heimat umstritten, in Europa verehrt
Literatur-Nobelpreisträger
Orhan Pamuk im Porträt
·Von Hermann Hesse
bis Doris Lessing
Die Literatur-Nobelpreis- träger seit dem 2. WK
·Literatur-Nobelpreis seit 1901 vergeben
INFO: Werk soll "Wohle der Menschheit dienen"
·Akademie urteilt nach alten Vorgaben
Arbeitsweise richtet sich nach Regeln von 1786
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Übersetzung des DNA-Codes in Proteine
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·Die Nobelpreisträger für Physik seit 1996
Geehrte Wissenschaftler von Lee bis Glauber
·Wirtschafts-Nobel- preis wieder an USA
Edmund S. Phelps mit begehrtem Preis geehrt
·Medizin-Nobelpreis geht an Fire & Mello
Auszeichnung mit 1,1 Millionen Euro dotiert
Mit Orhan Pamuk hat als erster türkischer Schriftsteller eine Symbolfigur des freien Denkens den Nobelpreis für Literatur erhalten. Die Schwedische Akademie begründete ihre Entscheidung damit, dass Pamuk "neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden" habe. Pamuks Auszeichnung hat eine wichtige politische Dimension.
Der Verfechter einer EU-Integration der Türkei hat sich mit seiner Kritik am Völkermord an Armeniern und Kurden den Zorn türkischer Nationalisten zugezogen. Während das Nobelpreis-Komitee seine Entscheidung bekannt gab, verabschiedete die Nationalversammlung in Paris ein Gesetz, das die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich unter Strafe stellt.
Die Schwedische Akademie hob in ihrer Begründung auch Pamuks Rolle als "Gesellschaftskritiker" in seinem Heimatland heraus. So habe er als erster Autor der muslimischen Welt die Fatwa gegen seinen Kollegen Salman Rushdie öffentlich verurteilt. Pamuk habe auch für Yasar Kemal Stellung genommen, als der kurdisch-türkische Autor 1995 vor Gericht gestellt worden war. Dass Pamuk in seiner Heimat politisch umstritten sei, habe die Entscheidung nicht beeinflusst. Der Autor, der 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, galt seit Jahren als Favorit für den Nobelpreis.
Pamuk selbst zeigte sich trotz seiner Freude über die Auszeichnung besorgt: "Unglücklicherweise macht die Tatsache, dass ich als erster Türke den Nobelpreis erhalte, die Sache ganz besonders und politisch", sagte der 54-Jährige in einem Interview für die Nobelpreis-Homepage. "Das könnte zu einer weiteren Belastung werden." Dennoch hielt er sich in seiner ersten Reaktion nicht mit politischen Äußerungen zurück. Die Auszeichnung sei auch ein Zeichen gegen die Theorie vom "Zusammenprall der Kulturen". "Meine Arbeit ist der beste Beweis, wie fruchtbar ein Mix von Kulturen sein kann."
Pamuk lebt in seiner Geburtsstadt Istanbul am Bosporus, der geographischen Schnittstelle zwischen Europa und Asien. Im Spannungsfeld zwischen Orient und Okzident spielen auch die meisten seiner historischen Romane. Zu seinen bekanntesten Werken zählen "Die Weiße Festung", "Rot ist mein Name" und "Schnee". Der Schriftsteller wurde am 7. Juni 1952 in Istanbul geboren. Er studierte Architektur und Journalismus und lebte mehrere Jahre in New York.
Nachdem er in einem Interview mit Blick auf die Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg und auf den Kurdenkrieg gesagt hatte, in der Türkei seien eine Million Armenier und 30.000 Kurden ermordet worden, wurde er wegen "Herabwürdigung des Türkentums" vor Gericht gestellt. Der von der Europäischen Union heftig kritisierte Prozess war Anfang des Jahres eingestellt worden.
In der Türkei wurde die Auszeichnung für Pamuk begrüßt. Der türkische Kulturstaatssekretär Mustafa Isen gratulierte dem 54-Jährigen im Fernsehsender NTV. Die Auszeichnung werde internationale Aufmerksamkeit auf die türkische Literatur und andere türkische Schriftsteller ziehen, sagte Isen. Als Zeichen der Hoffnung begrüßten türkische Intellektuelle die Entscheidung. "Das ist ein historischer Augenblick", jubelte die Schriftstellerin Adalet Agaoglu. Mit Genugtuung reagierte der Schriftstellerverband Armeniens: "Das ist eine Verbindung des Literaturpreises mit der Moral", hieß es in Eriwan. EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn erklärte, die Auszeichnung für Pamuk sei eine gute Nachricht "insbesondere für die Meinungsfreiheit".
Für heftige Kritik sorgte in der Türkei indes die vorläufige Entscheidung der Pariser Nationalversammlung, die Leugnung des Genozids an den Armeniern mit bis zu einem Jahr Gefängnis und 45.000 Euro Geldstrafe zu ahnden. Das türkische Außenministerium erklärte, die Entscheidung sei ein "schwerer Schlag" für die Beziehungen zwischen Paris und Ankara. Ob das Gesetzesvorhaben umgesetzt wird, ist allerdings unklar. Premierminister Dominique de Villepin erklärte, es sei "keine gute Sache", Gesetze zu "geschichtlichen Fragen" zu machen. Kritisiert wurde die Entscheidung auch in Brüssel. In Frankreich leben rund eine halbe Million armenischstämmige Bürger, die von den Parteien als Wähler umworben werden.
Der mit zehn Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotierte Literaturnobelpreis wird am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, in Stockholm überreicht. Ende November bringt der Hanser Verlag (München) Pamuks Essaysammlung "Istanbul: Erinnerungen an eine Stadt" heraus. In dem bereits 1999 geschriebenen Rückblick auf seine Jugend schildert Pamuk vor allem die Melancholie, die seiner Ansicht nach die Einwohner Istanbuls kennzeichnet.
(apa/red)
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