Mittwoch, 4. Oktober 2006

AUA-Konflikt wird härter: Mitarbeiter üben harsche Kritik an Vorstandschef Ötsch

  • "Existenzbedrohende Missstände rasch beseitigen"
  • Demnächst Urabstimmung: Streikbeschluss möglich

Der schwer angeschlagenen Fluglinie Austrian Airlines (AUA) droht nun auch ein Arbeitskonflikt. AUA-Mitarbeiter üben in einer Petition heftige Kritik an Management-Entscheidungen und fordern von AUA-Chef Alfred Ötsch die Rücknahme des angekündigten Personalabbaus von 350 Mitarbeitern.

"Die nachweislich unterdurchschnittliche Performance in den drei Bereichen Finanzen, Vertrieb/Marketing und Human Resources lässt uns am Fortbestand unseres Unternehmens stark zweifeln und erfüllt die Mitarbeiter von einem der kostengünstigsten und produktivsten Main Line-Flugbetriebe Europas mit größter Sorge", heißt es in einer Petition des Bordpersonals.

Ötsch wird unter anderem aufgefordert, "die existenzbedrohenden Missstände" in den genannten Bereichen raschestmöglich zu beseitigen, den angekündigten Personalabbau "unverzüglich zurückzunehmen" und den Beschluss über den Übergang der Fokker-70-Flotte zur Tyrolean "unverzüglich wieder zu widerrufen".

"Zukunft mehr als gefährdet"
Eine "komplett fehlgeleitete Unternehmensstrategie" durch den Vorstand lasse "die wirtschaftliche Zukunft von Austrian Airlines und aller Mitarbeiter mehr als gefährdet" erscheinen, heißt es in der Petition weiter.

Erst vor wenigen Tagen hatte AUA-Chef Alfred Ötsch seinerseits den Betriebsrat Bord als "fehlgeleitet" bezeichnet. Die Mehrzahl der Piloten teile seine Auffassung, wonach Produktivitätssteigerungen erforderlich seien, so Ötsch.

Heftige Kritik am Management
Nach eigener Ansicht dagegen hat das Bordpersonal - Flugbegleiter und Piloten - "seinen Beitrag zur Sanierung des Unternehmens mehr als erfüllt". Durch den Abschluss eines neuen Kollektivvertrags (KV) im Jahr 2004, eine substanzielle Produktivitätssteigerung und die Einführung "stark reduzierter" neuer Gehälter habe man "große individuelle Opfer erbracht. Der "enorme Sanierungsbeitrag" sei vom AUA-Management "leichtfertig verspielt" worden, heißt es in der Petition des Flugpersonals.

Auch im Verlust- und Krisenjahr 2005 seien "Millionenprämien" im Management ausbezahlt worden, kritisieren Piloten und Flugbegleiter. Eine frühere Petition mit der Aufforderung zur Rückerstattung der Prämie habe Ötsch abgelehnt.

Das Management wird in der Petition weiters aufgefordert, "bindende Gesetze, Verträge, Vereinbarung und Garantien einzuhalten", insbesondere gesetzliche und sicherheitsrelevante Limits, den Kollektivvertrag und Betriebsvereinbarungen sowie die im Jahr 2004 geschlossenen Abkommen zwischen den Spitzen der Sozialpartner Wirtschaftskammer und Gewerkschaftsbund ÖGB.

Vor dem Aussprechen von Kündigungen sollte grundsätzlich erst Fremdpersonal wie Köche komplett abgebaut werden. Unverzüglich beendet werden sollte auch "der vertragswidrige Gebrauch des Austrian Codeshare auf Slovak Air", verlangt der Betriebsrat.

Das fliegende Personal der AUA umfasst aktuell 711 Piloten und 1.905 Flugbegleiter. Wieviele davon sich an der Betriebsversammlung beteiligt haben, ist noch nicht bekannt.

Urabstimmung über weitere Maßnahmen
Das fliegende Personal stimmt in den nächsten Tagen in einer Urabstimmung über mögliche weitere "Maßnahmen" in der Auseinandersetzung mit der Unternehmensführung ab. Eine solche Urabstimmung ist eine formale Voraussetzung für allfällige arbeitsrechtliche Schritte, die bis zu einem Streik reichen könnten.

Die vom Betriebsrat Bord veranstaltete Betriebsversammlung ging ohne Störungen des Flugbetriebs zu Ende. Am Vortag hatte Ötsch Verhandlungen mit Belegschaftsvertretern für Piloten und Flugbegleitern für beendet erklärt und "einseitige Maßnahmen" angekündigt: Rund 350 AUA-Mitarbeiter sollen abgebaut werden, darunter rund 80 Piloten. Kündigungen wurden dabei nicht ausgeschlossen.

Betrieb weist Vorwürfe zurück
Die Fluggesellschaft AUA weist Vorwürfe von Belegschaftsvertretern als "falsch" und "unakzeptabel" zurück und sieht "absolut keinen Anlass für allfällige betriebsstörende Aktionen" durch den Betriebsrat Bord. Zugleich zeigt sich die Airline "offen für weiterführende Gespräche" mit Belegschaftsvertretern, heißt es in einer Stellungnahme.

Die von der AUA-Führung eingeleiteten "Optimierungsmaßnahmen" - ein Abbau der beiden Airbus-Flieger A340-300 sowie die Übergabe von drei Fokker 70-Maschinen bei der Regionalflugtochter Tyrolean Airways (Austrian Arrows) - seien "betriebswirtschaftlich erforderlich, entsprechen sämtlichen rechtlichen Rahmenbedingungen und können KV-konform umgesetzt werden", unterstreicht die AUA.

Zum angekündigten Personalabbau - darunter 83 Piloten und 189 Flugbegleiter - habe der Vorstand Beratungsgespräche mit dem Bordbetriebsrat aufgenommen. Das Unternehmen sei bestrebt, den "Abbau von Personalressourcen nach Möglichkeit ohne Kündigungen umzusetzen", könne dafür aber "seriöserweise keine Garantie abgeben".

In einer vom Betriebsrat erstellten Petition wird die AUA-Führung unter anderem aufgefordert, die Kündigungen unverzüglich zurückzunehmen und die Übertragung der Fokker 70 zu widerrufen. Diese heute in einer Betriebsversammlung verabschiedete Petition enthalte "aus Unternehmenssicht falsche Behauptungen und unakzeptable Forderungen", stellt die AUA fest. Die Unternehmensleitung werde im innerbetrieblichen Dialog im Detail darauf eingehen.

Der AUA-Vorstand zeigt sich "für weiterführende Gespräche offen, die zu einer Reformierung und Vereinfachung des Austrian Bord-KV-Regelwerks führen und somit eine Produktivitätssteigerung, Flexibilisierung und einen besseren Ausgleich der Saisonalität ermöglichen".

(apa/red)

4.10.2006 17:35