Donnerstag, 5. Oktober 2006

Europäische Zentralbank erhöht Leitzins: Wie erwartet um 0,25 Punkte auf nun 3,25%

  • Damit fünfte Erhöhung seit vergangenem Dezember
  • Inflationsrisiko durch Ölpreis soll eingedämmt werden

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Zinsen auf den höchsten Stand seit fünf Jahren erhöht. Der Zentralbankrat beschloss eine Anhebung des maßgeblichen Leitzinses um 0,25 Punkte auf 3,25 Prozent. Die heimischen Banken geben den Zinsschritt nur zum Teil an ihre Sparer weiter: Die BAWAG erhöht die Zinsen für manche Produkte um 0,125 Prozent, die Bank Austria zum Teil um 0,25 Prozent. Die Raiffeisenlandesbank Niederöstererreich-Wien überlegt noch und die Erste Bank zieht diesmal definitiv nicht mit.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet begründete den Schritt mit steigenden Inflationsrisiken. Gleichzeitig stellte er eine weitere Anhebung in Aussicht. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) warnte allerdings, dass dadurch die Konjunktur möglicherweise zu stark belastet werden könnte. Ähnliche Befürchtungen äußerten die heimische Arbeiterkammer und Österreichische Gewerkschaftsbund.

Auch mit der Anhebung blieben die Zinsen in den zwölf Ländern der Euro-Zone vergleichsweise "auf niedrigem Niveau", meint demgegenüber der EZB-Präsident. "Eine weitere Zurücknahme der Geldversorgung bleibt gerechtfertigt". Die Inflation dürfte aus Sicht des EZB-Chefs Ende des Jahres oder Anfang 2007 "auf ein Niveau über zwei Prozent" anziehen; die EZB strebt einen Wert von unter zwei Prozent an. Trichet verwies dabei auf die längerfristigen Auswirkungen der hohen Ölpreise, auch wenn diese zuletzt gesunken sind. Wirtschaftsindikatoren zeigten gleichzeitig eine stärkere Konjunkturentwicklung als erwartet. Trichet betonte aber, die EZB lege sich grundsätzlich vorab nicht auf ihre künftigen Zinsentscheidungen fest.

Fünfte Erhöhung seit vergangenem Dezember
Zuletzt hatte die EZB ihre Zinsen Anfang August angehoben. Die Erhöhung ist die fünfte Erhöhung seit Dezember vergangenen Jahres. Experten hatten mit dem Schritt gerechnet, nachdem Trichet vor einem Monat vor möglichen Inflationsrisiken durch die hohen Ölpreise gewarnt hatte. Höhere Zinsen können die Konjunkturentwicklung bremsen, weil sie die Kreditaufnahme und damit Investitionen für Unternehmen verteuern. Für Verbraucher verteuern sie Darlehen, es gibt aber auch für Spareinlagen mehr Zinsen - wenn auch meist mit Verzögerung.

Mit 3,25 Prozent liegt die EZB noch immer weit hinter der US-Notenbank Fed. Diese erhöhte ihren Leitzins seit Juni 2004 17 Mal auf inzwischen 5,25 Prozent. Im August und September hatte die Fed allerdings auf weitere Erhöhungen vor dem Hintergrund einer steigenden Arbeitslosenquote in den USA verzichtet. Die Bank von England ließ ihre Zinsen am Donnerstag unverändert bei 4,75 Prozent.

Auch wenn sich die Konjunktur in der Euro-Zone zur Zeit robust zeigt, erwarten Experten im kommenden Jahr eine Verlangsamung. Gründe sind die schwächere Entwicklung der als Exportpartner wichtigen US-Wirtschaft, aber auch die Anhebung der Mehrwertsteuer in Deutschland, die sich dämpfend auf die Nachfrage der Verbraucher in der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone auswirken dürfte.

Weitere Anhebung schon im Dezember?
Die Inflation in der Euro-Zone war im September mit 1,8 Prozent im Jahresvergleich erstmals seit Anfang 2005 unter die EZB-Höchstmarke von unter zwei Prozent gefallen. Ein Großteil der Experten geht aber davon aus, dass dies kein dauerhafter Trend sein wird und erwartet deshalb im Dezember eine weitere Anhebung der Zinsen um 0,25 Punkte auf dann 3,5 Prozent. Der Bundesverband deutscher Banken erwartet wie der Großteil der Experten dann aber "spätestens ab Jahresende eine Zinspause", um die Auswirkungen der Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland abzuwarten. Allerdings hat Bundesbank-Präsident Axel Weber jüngst nicht ausgeschlossen, dass auch 2007 die Zinsen nochmals steigen könnten.

Der DIHK-Chefvolkswirt Axel Nitschke erklärte, es bestehe aus Sicht der deutschen Wirtschaftsvertretung "kein Handlungsbedarf, dieser Zinserhöhung in Kürze weitere folgen zu lassen". Die sichtliche Entspannung auf den Ölmärkten reduziere auch in den Euro-Ländern die Inflation. "Zudem dürfte die Anhebung der Mehrwertsteuer in Deutschland dem Wirtschaftswachstum im gesamten Euroraum im kommenden Jahr einen Dämpfer versetzen, so dass der nachfrageseitige Preisdruck abnehmen wird", betonte Nitschke.

(apa/red)

5.10.2006 16:32