Donnerstag, 5. Oktober 2006

Festnahmen nach Flugzeug-Absturz: Zwei US-Piloten nach Crash in Brasilien verhaftet

  • Verdacht der fahrlässigen Tötung von 155 Menschen

Das größte Flugzeugunglück in der Geschichte Brasiliens ist endgültig zum Kriminalfall geworden: Fünf Tage nach dem Absturz eines Passagier-Flugzeugs mit 155 Toten haben die brasilianischen Behörden die zwei Piloten des mit der Boeing 737 kollidierten Business-Jets festgenommen. Ein Richter im Bundesstaat Mato Grosso ordnete die Beschlagnahmung der Pässe der Piloten an. Beide sollten von der Polizei in Rio de Janeiro vernommen werden.

Die Ermittler wollen herausfinden, warum das Anti-Kollisions-Warnsystem des Jets und warum das Funkgerät des Geschäftsfliegers kurz nach dem Notruf der Piloten versagte. Unklar ist auch, warum das Flugzeug auf derselben Höhe wie die Boeing flog. Sollte den Piloten fehlerhaftes Verhalten nachgewiesen werden, droht ihnen nach Polizeiangaben eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung.

Die Boeing war nach dem Zusammenprall mit dem kleineren Jet im Amazonasgebiet von Mato Grosso in den Urwald gestürzt. Alle Insassen der Boeing kamen ums Leben; die sieben Insassen des Geschäftsflugzeugs überlebten. Weitere Aufschlüsse über den Unglückshergang erhoffen sich die Ermittler von der Analyse der Flugschreiber beider Maschinen. Nach Angaben der Nationalen Agentur für die zivile Luftfahrt (ANAC) suchten die Bergungstrupps im Wrack der Boeing jedoch noch nach dem Speicher für die Sprachaufzeichnungen, einem wichtigen Teil des Flugschreibers.

Die ermittelnden Behörden in Brasilien vermuten, dass die Piloten nicht nur in nicht genehmigter Höhe flogen, sondern auch das Antikollisions- und andere Kommunikations-Systeme ausgeschaltet hatten. Die Piloten hätten wohl Tests mit der nagelneuen Maschine durchführen oder Kraftstoff sparen wollen, heißt es aus Kreisen der Zivilluftverkehrsbehörde und der Luftwaffe. Dabei hätten sie von den Kontrolltürmen unbemerkt bleiben wollen.

Unverständlich sei, weshalb sie vor dem Unfall nicht auf zahlreiche Kontaktversuche der Kontrolltürme reagiert hätten. "Höchstwahrscheinlich hat der Pilot die Lautstärke des Funkgeräts reduziert", sagte ein Luftwaffenexperte. Erst nach dem Zusammenstoß habe sich der Pilot plötzlich "wie durch einen Wunder" wieder gemeldet, sagte der Fachmann der Zeitung "Estado de Sao Paulo".

Noch wird in Brasilien darüber spekuliert, weshalb die kleine Maschine mit einem stark beschädigten Flügel nahezu problemlos landen konnte, während das große Flugzeug abstürzte. Der Flügel der Embraer habe wahrscheinlich die Boeing wie ein Messer aufgeschlitzt oder wichtige Teile zerstört, lautet eine Erklärung. Nach Angaben der 2001 gegründeten Billigfluglinie Gol war das Unglücksflugzeug vom Hersteller erst am 12. September geliefert worden und bis zum Unfall nur rund 200 Stunden in der Luft gewesen. (apa/red)

5.10.2006 08:08