Montag, 2. Oktober 2006

Faktor Unentschlossene: Spätentscheider bestimmten Ergebnis der Wahl massiv

  • Pensionisten wählten SPÖ - "FPÖ Männerpartei"
  • Zahl der Wechselwähler stieg auf 26 Prozent an

Das Ergebnis der Nationalratswahl 2006 wurde zu einem großen Teil von Spätentscheidern beeinflusst, lautete die zentrale Aussage der Wahlforscher Fritz Plasser und Peter Ulram. 24 Prozent hätten erst in der Zeit des Intensivwahlkampfes beschlossen, wer ihre Stimme erhalten soll, dies ist der höchste Wert, seit es solche Umfragen in Österreich gibt. Auch die Anzahl der Wechselwähler - die höchste seit drei Jahrzehnten - stieg parallel dazu auf 26 Prozent an.

Die Pressekonferenz der zwei Experten begann nach Kritik, vor allem des BZÖ, mit einer Rechtfertigung: Das Ergebnis mit der SPÖ auf Platz eins habe so nicht vorausgesehen. Das liege vor allem daran, dass das Wahlverhalten der Spätentscheider stark von jenem des Rests abweiche. Dies, so UIram, sei eine "zunehmende Herausforderung für die Meinungsforschung", im Vergleich zur Nationalratswahl 2002 ist dieser Wert um fünf Prozent gestiegen, insbesondere vier von zehn "Zuwanderern" zu SPÖ und FPÖ haben sich erst in den letzten Tagen definitiv festgelegt. Telefonisch befragt wurden am Wahlsonntag 1.982 Wahlberechtigte.

SPÖ Profiteur von Wechselwählern
Von den Wechselwählern hat diesmal vor allem die SPÖ profitiert, für die sich 24 Prozent entschieden haben, gefolgt von der FPÖ mit 17 Prozent und dem BZÖ mit 16 Prozent. Ihre Wähler halten konnte vor allem die SPÖ mit 85 Prozent, sie verlor jeweils 4 Prozent ihrer Wähler von 2002 an FPÖ und Grüne, je 2 Prozent an ÖVP und Hans Peter Martin, "praktisch niemanden" an das BZÖ. Nur drei Viertel ihrer Wähler konnte hingegen die ÖVP halten. Sollte das BZÖ auch nach Auszählung der Wahlkarten im Parlament vertreten sein, dann fast ausschließlich durch Zugewinne von ÖVP und FPÖ.

Bauen konnte die SPÖ bei der Wahl vor allem auf ältere Menschen, hier lag sie diesmal deutlich vor der ÖVP, die etwa bei Pensionisten verlor, eine Mehrheit der jüngeren Generation aber für sich verbuchen konnte. Als "Männerpartei" entpuppte sich die FPÖ, die 12 Prozent in dieser Gruppe erreichte, nur 9 Prozent Frauen wählten die Mannschaft von Parteichef Heinz-Christian Strache. Die ÖVP erlitt bei Männern mit minus 11 Prozent weit höhere Verluste als bei Frauen (minus 6 Prozent). Überwiegend weiblich ist die Grüne Wählerschaft, nämlich zu 57 Prozent, 60 Prozent sind dazu unter 45 Jahren.

Die SPÖ konnte sich als Arbeiterpartei behaupten, 48 Prozent der un- und angelernten Arbeiter wählten Rot. Traditionsgemäß fischte die ÖVP hingegen unter den Landwirten mit 80 Prozent der Stimmen, von Selbstständigen und Freiberuflern erhielt man 38 Prozent. Einen Trend zu den Grünen gab es unter den Beamten (20 Prozent). Auch die Schulbildung der Wähler war für deren Verhalten bestimmend: So erreichte die SPÖ fast jeden Zweiten in der untersten Bildungsschicht, also jene Menschen mit Pflichtschulabschluss. Hier kam die ÖVP auf 31 Prozent, die vor allem Akademiker anzog (37 Prozent), gefolgt von der SPÖ (26 Prozent) und den Grünen (21 Prozent).

ÖGB-Skandal wurde überschätzt
Überschätzt wurden laut Plasser auch die Auswirkungen des ÖGB/BAWAG-Skandals auf das Wählerverhalten, der "keineswegs das dominierende Abwanderungsmotiv war". Unter den Gewerkschaftsmitgliedern kann die SPÖ nach wie vor mit 51 Prozent ihre Vorherrschaft halten, auch wenn es 2002 schon 55 Prozent waren. Die ÖVP musste in dieser Gruppe einen stärkeren Verlust von 29 auf 21 Prozent hinnehmen. Einen starken Zulauf von Gewerkschaftsmitgliedern erhielten hingegen die Grünen, deren Wert von 7 auf 10 Prozent stieg.

Kanzlerwahl war es keine, wie Ulram und Plasser feststellten. Denn nur für jeden vierten ÖVP-Wähler war die Person Schüssel für die Entscheidung entscheidend, lediglich 8 Prozent der SPÖ-Wähler hatte es Parteichef Alfred Gusenbauer vorrangig angetan. Diesen hielten sogar 64 Prozent der Wähler für "nicht so wichtig", bei FPÖ-Chef Strache waren dies 61 Prozent. 43 Prozent der ÖVP-Wähler wollten mit ihrer Entscheidung vorwiegend eine rot-grüne Koalition verhindern, 53 Prozent der Rot-Wähler hatten hingegen Angst vor dem Abbau von sozialen Leistungen.

"Wenig überraschend" ist für Plasser, dass jeder zweite FPÖ-Wähler die Zuwanderung als Hauptmotiv für seine Entscheidung anführt. Der umgekehrte Grund, nämlich das Eintreten gegen Ausländerfeindlichkeit, war die Hauptmotivation für 58 Prozent der Grün-Wählerschaft. Jeder Zweite gab noch als ausschlaggebenden Grund die traditionelle Umwelt- und Energiepolitik an. Weniger deren Haltung zu Zuwanderern (29 Prozent) als deren Kriminalitäts-Linie (57 Prozent) konnte die BZÖ-Wähler überzeugen.

Vier "Motivbündel" sieht Plasser als Grund für die zahlreichen Abwanderer von der ÖVP: Neben einer generellen Unzufriedenheit und dem Eindruck, durch die sozial- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen Nachteile erlitten zu haben, zähle auch der Ärger über bestimmte Regierungsentscheidungen wie etwa dem Eurofighter-Kauf und Unzufriedenheit mit der schwarzen Haltung in der Einwanderungs-Politik. Dafür stimmten 80 Prozent der ÖVP-Wähler aus positiven Gründen für diese Partei, die Protestwähler teilten sich überwiegend FPÖ, BZÖ und vor allem Hans-Peter Martin auf. Von den selbst deklarierten Anti-Ausländer-Wähler profitierte die FPÖ mit 83 Prozent eher als das BZÖ (17 Prozent).

Spitzenreiter ist die SPÖ nach wie vor was die Traditionswähler betrifft, sie machen bei ihr 47 Prozent aus. Aber auch die Grünen können bereits ein derartiges Phänomen verzeichnen, 11 Prozent ihrer Wähler haben vorher nicht anders gestimmt. Bei einer Kanzler-Direktwahl hätten übrigens 49 Prozent aller Wähler Schüssel bevorzugt, 40 Prozent Gusenbauer. Plasser betonte jedoch, dass es sich diesmal nicht um eine "Kanzlerwahl", sondern um eine "Partei- und Wechselwahl" gehandelt habe, bei der zum zweiten Mal in der österreichischen Wahlgeschichte eine Regierungspartei aus Unzufriedenheit abgewählt wurde.

(apa/red)

2.10.2006 12:46