Freitag, 29. September 2006

Schüssel prangte von Titelseiten: Wirbel
um Inserate-Flut der ÖVP in Tageszeitungen

  • Redaktionen & Betriebsräte sind vielerorts empört
  • Kurier: Bekenntnis zur "Freiheit der Werbewirtschaft"

Plakate, Zeitungsinserate, Spots in Privatsendern - an der Werbung von politischen Parteien kommt im laufenden Nationalratswahlkampf niemand vorbei. Für Aufsehen und Irritationen sorgte eine wahre Anzeigen-Orgie der ÖVP in den heimischen Tageszeitungen. Leser von "Kurier", "Kleine Zeitung", "Der Standard", "Die Presse" und der Gratiszeitung "Heute" sahen sich auf der Titelseite ihres Leibblattes mit ganz- beziehungsweise halbseitigen Inseraten der ÖVP konfrontiert, in denen für Kanzler Wolfgang Schüssel geworben wurde.

Vor allem in der Medienbranche wurde daraufhin heftig die Frage diskutiert: "Darf man die Titelseite einer unabhängigen Tageszeitung an Parteien - noch dazu so kurz vor einer Wahl - verkaufen?" In der Redaktion des "Kurier" gab es darüber Meinungsverschiedenheiten. Die Tageszeitung stellte Schüssel die gesamte Titelseite als Umhüllung des eigentlichen Blattes zur Verfügung. Gleich unter dem "Kurier"-Logo mit der Unterzeile "Unabhängige Tageszeitung für Österreich" war ein Werbe-Schreiben des Kanzlers abgedruckt. Redakteursrat und Betriebsrat des "Kurier" legten dagegen Protest bei Geschäftsführung und Chefredaktion ein. Ein solches Inserat sei so kurz vor der Wahl nicht mit der Unabhängigkeit der Zeitung vereinbar, so die interne Kritik.

Kurier: "Freiheit der Werbewirtschaft" siegt über Redakteure
"Kurier"-Chefredakteur Christoph Kotanko sah die Unabhängigkeit seiner Zeitung indes nicht gefährdet. "Diese Art der Werbung ist ungewöhnlich, sie erregt auch Widerspruch. Aber sie ist erlaubt, wenn man sich zur Freiheit der Werbewirtschaft bekennt", schrieb Kotanko in einer Mitteilung an die "Kurier"-Leser in der Morgen-Ausgabe des Blattes. "Solche Inserate sind zulässig, so lange sie nicht gesetzwidrig oder in anderer Weise regelwidrig sind oder die Unabhängigkeit der Berichterstattung gefährden. Das tun sie im 'Kurier' nicht." Negative Reaktionen aus der Leserschaft hielten sich in Grenzen. Drei negative E-Mails und 30 bis 40 kritische Anrufe habe es bis Mittag gegeben, so Kotanko zur APA. "Die 'Kurier'-Leserschaft umfasst ein besonders breites Spektrum an Wählerinnen und Wählern aller Parteien. Das dürfte der strategische Hintergrund sein - die ÖVP wollte offenbar andere Wähler ansprechen."

Interne Debatten gab es auch beim "Standard". Die Mehrheit der Redaktion sei für die Flappe-Lösung, so Chefredakteur Gerfried Sperl. "Flappe ist besser als Umhüllung. Eine Umhüllung verwandelt die ganze Zeitung in ein Inserat." Es sei wichtig gewesen, dass man "den 'Standard' auf der Einser-Seite noch als 'Standard' erkennt". Die Leser könnten da jedenfalls differenzieren. "Man sieht klar, dass das ein Inserat ist", sagte Sperl.

"Presse"-Chefredakteur Michael Fleischhacker erklärte, dass die "Presse" beim Schüssel-Inserat einen vernünftigen Kompromiss gefunden habe. Anders als der "Kurier" brachte die Tageszeitung am Donnerstag nur eine halbseitige Flappe, und anders als beim "Standard" sind auf dieser nicht Logo-Teile der Zeitung zu sehen. "Wir haben lange darüber diskutiert und haben die Abgrenzung am deutlichsten gemacht. Wie beim 'Kurier' gab es auch bei uns den Wunsch nach der gesamten Titelseite. Wir wollten aber für unsere Leser klar erkennbar machen, dass es sich um Werbung handelt", erklärte Fleischhacker die Vorgangsweise.

Bei den "Salzburger Nachrichten" wurde die ÖVP in Sachen Titelseiten-Werbung nicht vorstellig, man hätte sich dort aber auch einen Korb geholt, wie Herausgeber Max Dasch im Gespräch mit der APA erklärte. "Weil wir die Seele nicht verkaufen. Die Titelseite so kurz vor der Wahl einer Partei zu verkaufen, das würden wir nicht tun", so Dasch.

Washietl: "Titelseite ist ein höchst sensibler Bereich"
Ähnlich Engelbert Washietl, Vorsitzender der Initiative Qualität im Journalismus: "Ich halte es für höchst problematisch, die Titelseite einer Zeitung politischen Parteien, in diesem Fall dem Bundeskanzler, zur Verfügung zu stellen. Das ist freilich keine ethische Frage. Jeder Verlag kann natürlich den Titel verkaufen. Aber die Titelseite ist ein höchst sensibler Bereich, der den Wert der Marke und die Unabhängigkeit transportiert. Dort, wo die Zeitung mit dem Aufmacher normal die wichtigste Nachricht verkündet, ist von der notwendigen Distanz zwischen Zeitung und Regierung semantisch nichts mehr zu merken." Für den "flüchtigen Leser" könne das wie eine "Wahlempfehlung" wirken, meinte Washietl.

ÖVP: Es gab eine Mengenstaffel"
Kritik an der Kampagne kam unterdessen von der SPÖ. Bundesgeschäftsführerin Doris Bures kritisiert bei einer Pressekonferenz die "Arroganz" der ÖVP, die glaube, Zeitungen kaufen zu können. Die Kosten für die Inserate müssten enorm sein. Dem widersprach ÖVP-Generalsekretär Reinhold Lopatka. "Das hat nicht so viel gekostet, weil es hier eine Mengenstaffel gibt", so Lopatka zur APA.

In Summe dürften die Parteien im Wahljahr jedenfalls deutlich mehr zehn Millionen Euro für Werbung auf Plakaten, in Zeitungen und Magazinen, Privatrundfunk und Kino ausgeben. In dieser Zahl sind Werbeaktivitäten von parteinahen Institutionen, Ministerien und anderen Einrichtungen noch gar nicht berücksichtigt. Nach Berechnungen des Werbeforschungsunternehmens Focus Media Research betrug der Werbeaufwand der Parteien in klassischen Medien von Jänner bis August 7,6 Millionen Euro. Die höchsten Summen wurden im März (1,6 Mio.), Juni (1,3 Mio.) und August (1,7 Mio) ausgegeben. Im Wahlkampfinale im September dürften wohl noch einmal deutlich über zwei Millionen Euro an Werbevolumen hinzu kommen.

Am stärksten profitierte bis einschließlich August das Werbemedium Plakat mit 3,3 Mio. Euro. Gleich dahinter liegen die Tageszeitungen mit 2,9 Mio. Euro, vor den regionalen Wochenzeitungen, die auf 1,2 Mio. kommen. Beliebtestes Printmedium für politische Werbung ist nach den Focus-Erhebungen übrigens die "Kronen Zeitung", vor der "Kleinen Zeitung", der "OÖ Rundschau", dem "Kurier", den "OÖ Nachrichten" und der Gratiszeitung "Heute".
(apa/red)

29.9.2006 18:38