Montag, 11. September 2006

Heftige Demonstrationen in Beirut: Wut und Ablehnung bei Besuch von Blair im Libanon

  • Britischer Premier sagte Hilfe beim Wiederaufbau zu

Dem britischen Minister Tony Blair ist bei einem Besuch in Beirut Wut und Ablehnung entgegengeschlagen. Rund 5.000 Menschen demonstrierten am Montag in der libanesischen Hauptstadt gegen die Nahost-Politik Blairs, der im Krieg zwischen Israel und der radikal-islamischen Hisbollah nach Meinung vieler zu lange an der Seite von US-Präsident George W. Bush die Forderung nach einem Waffenstillstand blockiert hat. Parlamentspräsident Nabih Berri, der der Hisbollah nahe steht, ließ einen Termin mit dem britischen Regierungschef platzen und auch bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Ministerpräsident Fouad Siniora kam es zu einem Zwischenfall.

"Dieser Besuch ist eine Beleidigung", rief eine Frau bei der Pressekonferenz vor laufenden Kameras: "Schäm' Dich, Tony Blair." Sie wurde von Sicherheitskräften aus dem Raum getragen. Siniora sagte: "Wir sind in einer Demokratie, wir respektieren jede Art von Meinung." Blair äußerte Verständnis über die hochgehenden Emotionen. Unschuldige Menschen hätten ihr Leben verloren und das Land sei um Jahre zurückgeworfen worden, sagte er beim ersten Besuch eines britischen Regierungschefs im Libanon. Er verteidigte sich mit den Worten, ein sorgfältiger und dauerhafter Waffenstillstand sei wichtiger gewesen als eine schnelle Waffenruhe, die nicht eingehalten werde.

Parlamentspräsident Berri sorgte für einen Affront: Trotz eines vereinbarten Treffens mit Blair hielt sich der schiitische Politiker nicht in der Hauptstadt auf. Die mehr als tausend Demonstranten in der Innenstadt wurden von 2.000 Soldaten und Polizisten vom Regierungssitz fern gehalten. "Blair, du bist hier nicht willkommen", hieß es auf einem Spruchband und auf einem anderen: "Im Namen des libanesischen Volkes: Danke für die Zerstörung unserer Häuser, Siedlungen und Erinnerungen."

Auch in den Medien wurde Blair ein unfreundlicher Empfang bereitet. Die Zeitung "As-Safir" bezeichnete den Politiker als den "hässlichen Briten". Eine weitere, "Al Balad", schrieb am Sonntag, dass es zu Unruhen kommen könnte.

Großbritannien wolle bei der Ausbildung und Ausstattung der libanesischen Armee helfen, sagte Blair bei seinem Treffen mit Siniora. Sein Land werde in diesen Bereichen mit der libanesischen Armee zusammenarbeiten. Der Armee komme eine "Schlüsselrolle" bei der Sicherung "aller Regionen des Libanon" zu. Die libanesische Armee hat begonnen, Stellungen im Süden des Landes zu beziehen. Sie ist unzureichend ausgerüstet, um ihre Aufgaben im von der Hisbollah kontrollierten Süden des Landes zu übernehmen. (apa/red)

11.9.2006 18:24