Montag, 11. September 2006

Bombenalarm im 15. Bezirk: Verdächtiges Paket vor Büro der Muslimischen Jugend

  • Gaskartuschen & Kabeln: Material wurde gesprengt
  • Neonazis im Spiel? Aufschrift "4. Juli 1926, Weimar"

Bombenalarm ist Montagmittag vor dem Büro der Muslimischen Jugend Österreichs (MJÖ) in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus ausgelöst worden. Auf dem Gehsteig vor dem Lokal der Organisation in der Märzstraße war ein verdächtiges Paket mit der Aufschrift "4. Juli 1926, Weimar" deponiert worden, wie Doris Edelbacher vom Wiener Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT) bestätigte.

Der Entschärfungsdienst brachte das Paket zur Explosion. Darin befanden sich Gaskartuschen und Kabeln. Ob es sich um einen funktionstüchtigen Sprengsatz handelte, war zunächst unklar.

Box mit Aufschrift "4. Juli 1926, Weimar"
Alexander Osman, Sprecher der MJÖ in Wien, sagte der APA, dass es sich um eine Box in der Größe einer Schuhschachtel handelte. Darauf sei mit braunem Klebeband ein Zettel mit der Aufschrift "4. Juli 1926, Weimar" befestigt gewesen. Osman vermutete einen möglichen Zusammenhang mit der Zehn-Jahres-Feier der MJÖ, die am vergangenen Wochenende in Wien abgehalten wurde, und die "medial ein bisschen größer behandelt" worden sei. Drohungen gegen die Muslimische Jugend - die zur Islamischen Glaubensgemeinschaft gehört - habe es in der Vergangenheit nicht gegeben.

Die Aufschrift "4. Juli 1926, Weimar" weist offenbar auf einen rechtsextremistischen Hintergrund hin: Im Deutschen Nationaltheater Weimar fand der erste Reichsparteitag der NSDAP nach der zeitweisen Verbindung mit der Deutsch-völkischen Freiheitspartei statt. Dabei wurde die "Hitler-Jugend" gegründet. Hitler war nach dem Münchner Putschversuch zu einer Festungshaft verurteilt worden, die er in Landsberg verbüßt hatte. In Weimar konnte er seine parteiinterne Führungsposition wieder einnehmen.

DÖW: Kein "Lausbubenstreich"
Die Verwendung dieser Aufschrift deutet laut Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) darauf hin, dass es sich bei dem Deponieren des Pakets "nicht um einen Lausbubenstreich handelte". Seit einem Jahr beobachte man in der Wiener Szene eine Abkapselung, verbunden mit konspirativem Verhalten, sagte ein Experte des DÖW der APA.

Ein Beispiel dafür sei die neonazistische Kameradschaft A.D.F. Wien, die erst seit kurzem im Internet aktiv ist. In der Szene steht das Kürzel A.D.F. für die Parole "Auf den Führer!" Auf Fotos sind die Mitglieder dieser Gruppe mit A.D.F.-T-Shirts zu sehen. Ihre Gesichter verbergen sie hinter schwarzen Sturmhauben.

"Zeit der Rekrutierung ist vorbei"
"Die Zeit der Rekrutierung ist vorbei", sagte der DÖW-Vertreter. Es kommt zu einer Zellenbildung, auch ehemalige Führungskader der neonazistischen und verbotenen Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition (VAPO) sollen wieder aktiv sein. Das Zentrum der rechtsextremen Aktivitäten soll ein einschlägig bekanntes Lokal in Ottakring sein, wo auch Aktivisten der Neonazi-Skinhead-Gruppierung "Blood and Honour" ihren Treffpunkt hatten.

Der Fund des Pakets in der Märzstraße war nicht der erste derartige Vorfall in der Bundeshauptstadt in den vergangenen Monaten: Im November 2005 explodierte vor einer Moschee in Hernals ein Sprengkörper. Im April dieses Jahres wurde ein Brandanschlag auf den islamischen Friedhof in Liesing verübt. Die Täter wurden in beiden Fällen bisher nicht ausgeforscht.

Ermittlungen "in alle Richtungen"
Die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Bombenalarm laufen "in alle Richtungen". Das sagte Edelbacher am Abend zur APA. Ob es sich bei dem verdächtigen Paket um einen funktionstüchtigen Sprengsatz handelt, werde "in ein paar Tagen" geklärt sein. Die Aufschrift "4. Juli 1926, Weimar" könnte auch "bewusst falsch gelegt worden sein", meinte Edelbacher. (apa/red)

11.9.2006 20:03