Natascha Kampusch im ORF-Interview:
"Mit Fäusten gegen Wände geschlagen"
- Über ihren Entführer: Hatte "labile Persönlichkeit"
Flucht: "Wenn nicht jetzt, dann vielleicht nie" - Unerkannt in Öffentlichkeit: "War inkognito Eis essen"
·NEWS EXKLUSIV: Das Kampusch-Interview
'Ich dachte nur an Flucht - es war zum Verzweifeln'
·"Authentisches Bild" von Frau Kampusch
Psychiater: "Panzer ist wichtig zum Überleben"
"Ich habe mit Fäusten gegen die Wände geschlagen", erzählte Natascha Kampusch über die schrecklichen Jahre ihrer Gefangenschaft in ihrem mit Spannung erwarteten ersten Fernsehinterview gegenüber dem ORF. Ihren Entführer beschrieb die junge Frau als "labile Persönlichkeit".
Natascha Kampusch zeigte sich vor der Kamera in violetter Bluse mit dazupassendem Haartuch, Jeans und Modeschmuck. In ihrem Verlies habe sie oft unter "klaustrophobischen" Zuständen gelitten. Immer wieder habe sie an Flucht gedacht.
"War inkognito Eis essen"
"Ich war inkognito Eis essen", berichtete die 18-Jährige im Fernseh-Interview mit ORF-Journalist Christoph Feurstein. Sie sei mit dem Psychiater Ernst Berger, der zu ihrem Betreuerstab gehört, in einen Eissalon auf der Währinger Straße gegangen und habe, mit Sonnenbrille und Kopftuch unkenntlich gemacht, einen Eisbecher bestellt, sagte die junge Frau lächelnd.
Der mit Spannung erwartete erste öffentliche Auftritt fand im Hauptabendprogramm von ORF2 am Mittwoch statt. Am Nachmittag hatten bereits die Tageszeitung "Kronen Zeitung" und das Wochenmagazin "News" als erste Printmedien Interviews mit dem nunmehr weltweit bekannten Entführungsopfer veröffentlicht. Natascha Kampusch war am 2. März 1998 als Zehnjährige auf dem Schulweg von dem 44-jährigen Wolfgang Priklopil entführt worden und am 23. August 2006 entkommen.
Zum Ausflug in den Eissalon sei sie mit der U-Bahn gefahren, sagte Natascha Kampusch. "Es war toll, die Menschen alle anzulächeln, und keiner hat mich erkannt." Das ORF-Interview war mit Betreuern bis ins Detail abgesprochen, der betreuende Jugendpsychiater Max Friedrich und Natascha Kampuschs Medienberater Dietmar Ecker waren dabei anwesend.
Viele Kontakte zu Eltern
Ihr gehe es "den Umständen entsprechend gut". Ihre Zeit verbringe sie jetzt in erster Linie damit, "mich von den Strapazen der Flucht" zu erholen, sich zu entspannen, mit den Eltern zu telefonieren. "Ich hab mich gestern und vorgestern mit meiner Mutter schon getroffen."
Die Personen, denen sie derzeit am meisten vertraue, seien "Dr. Friedrich zum Beispiel. Aber auch die ganzen Psychologen und so... Aber hauptsächlich vertraue ich aber meiner Familie, und auf mich halt."
"Alle Leute wollen einen irgendwie beeinflussen"
In dem Interview mit dem ORF-Fernsehen erklärte Kampusch, dass die ersten Zeit in Freiheit doch auch schwierig für sie gewesen sei: "Es ist wirklich sehr schwer, alle Leute wollen einen irgendwie beeinflussen." Man habe zum Beispiel versucht, sie zum Schlafen zu bringen. Sie wolle das aber selbst in den Griff bekommen.
Der erste Wunsch von Natascha Kampusch? "Es gab sehr viele Wünsche. Der hauptsächliche Wunsch, den ich mir erfüllt habe, ist die Freiheit. Einkaufen war ich. Ich war inkognito Eis essen." Dabei hätte sie auch wieder eine erste echte Begegnung mit vielen Menschen gehabt, was sie als neu empfunden habe. Die Menschen hätten sie, Natascha Kampusch, nicht erkannt: "Wir sind auch mit der U-Bahn gefahren. Und es war toll, die Menschen alle anzulächeln. Keiner hat mich erkannt." Mittlerweile hätte sie bereits Freundschaften schließen können.
Beim ersten Kontakt mit ihren Eltern - so die 18-Jährige - sei es ebenfalls für sie zu einer eigenartigen Situation gekommen: "Also das Komische war, dass meine Eltern - so wie sämtliche Verwandte - geweint haben, mich umarmt, gedrückt haben. Und ich, in dem Moment habe ich mich ein bisschen überfordert und ein bisschen beengt gefühlt. Die Polizisten haben es auch nicht gefasst. Die (alle, Anm.) wollten mich vor Glück zerquetschen."
"Meine Mutter hat Hoffnung nie aufgegeben"
Die Polizisten hätten sogar erklärt, sie hätten ein paar Tage, bevor sie geflohen sei, eine Genehmigung beantragt, nach ihrer Leiche zu graben. Natascha Kampusch in dem ORF-TV-Interview: "Sie haben fast aufgegeben. Meine Mutter hat die Hoffnung nie aufgegeben, dass ich noch lebe. Es liegt bei uns nichts dazwischen. Bei uns ist es eher so, als wäre gar nichts geschehen."
Die Entführte will nun vor allem ihre Ausbildung voran bringen: "Na ja, konkrete Berufswünsche habe ich noch nicht. Ich möchte zuerst meine Bildung komplettieren und die Matura mache. Vielleicht studieren." Und möglicherweise würde sie auch Schauspielerin werden: "Ja, schon, aber seien wir uns doch ehrlich, Hollywood ist auch nicht so. Meine Mutter hat immer gesagt, wenn Du groß bist, kommst Du auf die 'Burg'."
Natascha Kampusch verfolgt die Medienberichterstattung mit offenbar mit gehöriger Distanz: "Im Prinzip möchte ich mich nicht mit solchen Verunglimpfungen, Verleumdungen und Demütigungen belasten. Ich habe so viel zu tun, medizinische Untersuchungen, Gespräche, alles Mögliche."
Was die 18-Jährige ärgert: "So Sachen, die einfach der Unwahrheit entsprechen. Missbauch. Vor allem ärgern mich die Fotos von meinem Verlies. (...) Warum sollten die Leute in mein Zimmer schauen. Das ist schon ein Eingriff in meine Persönlichkeit." Sie, Natascha Kampusch, blicke ja auch nicht in anderer Leute Wohnung.
Kampusch-Buch?
Unklar ist, ob Natascha Kampusch über ihre Erlebnisse einen eigenen Bericht aus erster Hand schreiben wird: "Ich werde vielleicht oder auch nicht ein Buch über mich schreiben. Aber will nicht, dass sich ein anderer als Experte über mein Leben ausgibt."
In Zukunft möchte die 18-Jährige ihr Leben so gestalten, dass auch andere Menschen von ihren Erfahrungen profitieren: "Mir ist klar geworden, dass ich durch die Berühmtheit eine gewisse Verantwortung habe. Mir ist klar geworden, dass ich das nicht so verstreichen lassen sollte. (...) Ich plane, eine Foundation zu gründen, wo ich gewisse Hilfsprojekte aufstellen will." Zum Beispiel Hilfe für Menschen, die ein ähnliches Schicksal wie sie gehabt hätten.
"Labile Persönlichkeit"
"Er hatte einfach eine labile Persönlichkeit", sagte Natascha Kampusch im ORF-Interview über ihren Entführer Wolfgang Priklopil. Die 18-Jährige ist aber überzeugt, dass sie stärker als er gewesen sei. Sie habe früher ein sehr gesundes soziales Umfeld, eine liebevolle Familie gehabt. "Und er hatte so was nicht. Ihm fehlte in gewisser Weise so etwas wie Selbstsicherheit." Natascha Kampusch sei schon innerhalb der ersten paar Stunden nach der Entführung dessen bewusst gewesen, dass ihm etwas fehle. "Dass er ein Defizit hat."
Über den Tag der Entführung, dem 2. März 1998, erzählte Natascha Kampusch mit zittriger Stimme. Auf dem Weg zur Schule habe sie Priklopil schon aus einigen Metern Entfernung bei seinem Auto stehen gesehen. "Ich dachte mir noch, ich wechsle die Straßenseite. Ich weiß auch nicht. Aus irgendeinem Bauchgefühl heraus, vermutete ich." Sie habe schon öfter etwas in der Schule über diese "Kinderverzahrer" gehört. Sie habe sich noch gedacht, "der wird dich schon nicht beißen" und ist einfach weitergegangen. "Und er packte mich. Ich versuchte zu schreien." Aber es sei kein Laut rausgekommen.
Er habe Natascha Kampusch gesagt, dass ihr nichts passieren werde, dass sie ruhig sein und sich nicht rühren soll. Später habe er gemeint, dass es eine Entführung sei und wenn ihre Eltern was zahlen, könne sie noch am selben Tag oder am nächsten Tag wieder zu Hause sein.
"Der bringt dich sowieso um"
Sie habe vom ersten Moment an "keinerlei Angst" gehabt. "Im Gegenteil. Ich dachte mir: Der bringt dich sowieso um." Sie dachte sich, dass sie ihre letzten paar Stunden, Minuten gezielt nützen könne. "Zu fliehen oder auf ihn einzureden oder so irgendwie." Sie habe ihm gesagt, dass das nichts werde und dass unrecht Gut nie gedeihen werde. Und dass die Polizei ihn schon schnappen werde.
Später im Haus habe sie versucht, Einzelheiten genau zu erkunden, um das eventuell später der Polizei mitzuteilen. "Ich war zu dem Augenblick, zu diesem Zeitpunkt noch sicher, dass mich die Polizei finden und befreien wird. Und dass das ein gutes Ende haben wird." Sie sei verzweifelt und sehr wütend gewesen. "Ich hab mich darüber geärgert, dass ich die Straßenseite nicht gewechselt habe. Oder dass ich nicht mit meiner Mutter in die Schule gefahren bin. (...) Ja, also es war furchtbar."
Erstes halbe Jahr im Keller
Das erste halbe Jahr ihrer Gefangenschaft befand sich Natascha Kampusch wie in Isolationshaft im Keller. "Es war furchtbar. Und ich habe beinahe klaustrophobische Zustände bekommen. In diesem kleinen Raum. Und schlug mit Mineralwasserflaschen an die Wände oder mit den Fäusten. Es war ... es war grauenvoll", sagte die junge Frau in dem ORF-TV-Interview. Erst nach rund sechs Monaten durfte sie zum ersten Mal zum Waschen ins Haus Priklopils hinauf.
Die Beziehung zu ihrem Entführer war ambivalent. "Er hat alles kontrolliert. Er war sehr paranoid", sagte die 18-Jährige. Anfangs bekam sie lediglich Zeitungen zu lesen, Radio dürfte sie erst nach zwei Jahren hören. Nach der Lektüre durchsuchte Priklopil die Zeitschriften, ob Natascha Kampusch nicht Botschaften darauf geschrieben oder "Nachrichten verschluckt" hätte.
Meldungen über die Suche nach ihr hat ihr Peiniger vor dem Opfer versteckt. "Er meinte, meine Eltern würden sich nicht um mich kümmern oder nach mir suchen. Und später meinte er, dass meine Eltern im Gefängnis gewesen wären", sagte Natascha Kampusch. Später wurden ihr aber auch die Nachrichten über ihren Fall zugänglich gemacht. "Weil ich ihm gesagt hab', dass das nicht Recht wäre, mir diese Informationen, da sie ja mich betreffen, zu entziehen", so die junge Frau.
Ostern und Weihnachten
Andererseits hat sie mit ihrem Entführer auch die Feste wie Ostern, Weihnachten und ihren Geburtstag gefeiert. "Ich hab' ihn dazu genötigt, es mit mir zu feiern. Ja, er hat mir viele Sachen geschenkt", erzählte die junge Frau. Mit den Zuwendungen habe er offensichtlich ein "sehr starkes Gewissen" kompensiert. "Ich glaube, er hatte ein sehr starkes schlechtes Gewissen. Aber er versuchte, es massivst zu verdrängen und abzuleugnen", sagte die junge Frau.
In ihr Kinderzimmer bei ihrer Mutter will Kampusch vorerst nicht zurück gehen. "Also leben werde ich, glaube ich, nicht mehr dort. Aber ich werde ab und zu bei meiner Mutter in dem Zimmer übernachten."
"Konnte mich keiner Menschenseele anvertrauen"
Natascha Kampusch berichtete in dem TV-Interview mit dem ORF auch über die "Ausflüge" mit Wolfgang Priklopil. Der Entführer habe sich dabei "sehr vorsichtig" verhalten. "Ist kaum von meiner Seite gewichen. Hat jedes Mal panikartige Zustände bekommen, wenn ich auch nur drei Zentimeter von ihm entfernt gestanden bin. Er wollte immer, dass ich vor ihm gehe und nie hinter ihm. Damit er mich immer im Auge behalten kann. Und ich konnte mich keiner Menschenseele anvertrauen", sagte die junge Frau.
Priklopil habe gedroht, jenen Menschen etwas anzutun, denen sie sich anvertrauen würde, sagte Kampusch. "Dass er sie umbrächte. Jeden Mitwisser sozusagen beseitigen würde. Und das konnte ich nicht riskieren." Sie habe trotzdem versucht, Zeichen zu geben, berichtete die 18-Jährige. "Es war nicht genug Zeit, bis ich denen das erläuterte. Hätte ich nur einen Mucks gemacht, hätte er das schon unterbunden und mich weggezerrt."
Das Entführungsopfer erinnerte sich an Begegnungen beim Einkaufen. "Diese netten Verkäufer im Baumarkt zum Beispiel", sagte Natascha Kampusch. "Die einen so fragen: Kann ich Ihnen vielleicht helfen? Und ich steh' da so panikartig und verklemmt und mit Herzklopfen und Kreislaufproblemen dort." Sie habe nur "hilflos zuschauen" können, wie Proklopil "den Verkäufer abwimmelt". Da habe sie gerade noch die Möglichkeit gehabt, den Verkäufer anzulächeln, "weil er so freundlich ist. Ich meine, der weiß das ja nicht."
"...dass die Gerechtigkeit siegt oder so"
Auf die Frage nach dem Wesen ihres Entführers Wolfgang Priklopil sagte Kampusch, er habe ihr manchmal in gewisser Weise vorgeschlagen, "wie ich ihn sozusagen hintergehen könnte und fliehen könnte. Also innerhalb von seiner Paranoia ist ihm das sozusagen eingefallen." Es sei fast so gewesen, als hätte Priklopil gewollt, dass sie irgendwann frei kommt. "Irgendwie, dass die Gerechtigkeit siegt oder so."
Am Tag der Flucht habe sie gefühlt, dass der Zeitpunkt gekommen war: "Ich wusste in dem Moment, wenn nicht jetzt, dann vielleicht nie mehr wieder", schilderte die 18-Jährige ORF-Journalist Christoph Feurstein. "Ich hab geschaut. Er hat sich umgedreht. Ich hab ihm in den Monaten davor auch schon gesagt: Ich kann so nicht mehr leben. Ich werde sicherlich versuchen, von dir zu fliehen. Und ... Ja, ich dachte mir: Wenn nicht jetzt ..."
Trotz allem hat sich das Entführungsopfer viele Gedanken um andere Menschen gemacht: "Ich hatte auch eine irrsinnige Sorge, seiner Mutter und seinen näheren Freunden und Nachbarn und Bekannten ihr Weltbild zu ruinieren." Schließlich sei Priklopil immer "der nette, hilfsbereite Typ" gewesen - "immer freundlich, immer korrekt". Sie habe das seiner Mutter nicht antun wollen, "dass sie diese andere Seite von ihrem Sohn kennen lernt". Mutter und Sohn hätten "ein sehr gutes Verhältnis" gehabt. "Und es tut mir auch jetzt irrsinnig Leid für die Frau Priklopil."
"In meinem Herzen war meine Familie"
Trotz mehr als acht Jahren, die Psychiater Max Friedrich zuvor einmal als "Isolationsfolter" bezeichnete, habe sie sich nicht einsam gefühlt, sagte Natascha Kampusch. "In meinem Herzen war meine Familie. Und glückliche Erinnerungen waren immer bei mir." Sie habe sich geschworen, "dass ich älter werde, stärker und kräftiger, um mich eines Tages befreien zu können. Ich hab' sozusagen mit meinem späteren Ich einen Pakt geschlossen. Dass es kommen würde und das kleine zwölfjährige Mädchen befreien würde".
Die 18-Jährige ist sich bewusst, dass sie vieles versäumt hat: "Der erste Freund, alles Mögliche. Ich hab versucht, beispielsweise immer besser zu sein als die Leute draußen. Oder mit ihnen gleichzuziehen. Vor allem was die Schulbildung betrifft." Sie habe sich Wissen aneignen wollen. "Ich hab mir zum Beispiel im Selbststudium Stricken beigebracht."
Jetzt möchte Natascha Kampusch unbedingt reisen - eine Kreuzfahrt mit der Familie, eine Maturareise, sollte sie die Matura bestehen, oder eine Zugfahrt nach Berlin mit einer ihrer Schwestern.
(apa/red)
