Freitag, 1. September 2006

Kann ein knapper Bikini Sünde sein?:
Türkei: Islamisten und Laizisten im Streit

  • Vermehrt Zwischenfälle an der türkischen Küste
  • Die Türkei braucht eine Kultur des Zusammenlebens

An der Schwarzmeer-Küste in der Nähe von Istanbul errichtete vor kurzem eine streng islamistische Sekte ein Sommercamp mit Sichtblenden und Wachpoten um sich gegen neugierige Blicke von Strandspaziergängern zu schützen. Im westtürkischen Ferienort Karaburun bei Izmir gingen religiöse Urlauber unterdessen noch weiter: Sie griffen eine junge Frau an, die im Bikini am Strand lag.

Solch einen "Schmutz" wie die knappe Badekleidung wollten sie nicht sehen, riefen die Angreifer in Karaburun, deren Frauen im gottgefälligen Ganzkörper-Badeanzug nebst Kopftuch im Wasser planschten. Die Bikini-Frau erwiderte, wenn den Frommen etwas nicht an ihrem Aufzug passe, dann sollten sie halt in den Iran gehen. Der Fall machte landesweit Schlagzeilen, weil die unerschrockene Bikini-Trägerin die Tochter einer bekannten Journalistin der Zeitung "Hürriyet" ("Freiheit") ist, die über den Vorfall berichtete - und weil die anschließende Keilerei am Strand den wachsenden Gegensatz zwischen Religiösen und Säkularisten in der Türkei illustriert.

Immer mehr Zwischenfälle
Nach dem Wirbel um den Bikini-Streit wurden noch andere Strandepisoden bekannt, bei denen es um das Verhältnis zwischen Frömmigkeit, Geschlechtertrennung und Badetextilien ging. Im westtürkischen Seferhisar geriet ein Tänzer des Balletts der Haupstadt Ankara mit Islamisten aneinander. Den Religiösen gefiel es nicht, dass sich ein halbnackter fremder Mann in einem Fluss tummelte, in dessen Nähe eine Gruppe von Kopftuchfrauen den Sommer genoss.

Ganzkörper-Bademode boomt
Ein Grund für die wachsenden Spannungen ist die Tatsache, dass sich heute mehr fromme Moslems an die Strände wagen als früher. An den Sonnenküsten gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Luxushotels, die sich an fromme islamische Kunden richten und deshalb etwa getrennte Schwimmbäder für Männer und Frauen haben. Der Verkauf der Ganzkörper-Bademode "Hasema" boomt.
(APA/red)

1.9.2006 15:50