Mittwoch, 30. August 2006

Leben mit dem Todestrauma

  • Überlebende der Terroranschläge im NEWS-Interview.
  • So besiegten die Helden von New York die 9/11-Angst.

New York hat überlebt: Nicht irgendwie, sondern als Superlativ. Trendiger und lebendiger denn je, mit einem boomenden Immobilienmarkt, pulsierenden Unternehmen und einer wachsenden Bevölkerung begeht die Kultstadt stolz den fünften Jahrestag der verheerenden Terroranschläge vom 11. September.

Die Weltmetropole ist die Stadt gewordene mutige Antwort auf feigen Terrorismus. Die Angst ist nicht vergessen, nicht die Trauer um die fast 2.600 Menschen, die beim Aufprall der beiden Passagierjets starben, aber der Wille der 8,1 Millionen Einwohner, der Furcht zu trotzen, ist ungebrochen. Bester Indikator: Eine überwältigende Mehrheit der New Yorker wollte an der Stelle der Zwillingstürme des World Trade Centers Hochhäuser entstehen sehen. Ursprünglich waren einstöckige Bauten in Überlegung. Doch die New Yorker stimmten dafür, dass ihre Stadt die City der Wolkenkratzer bleibt und nicht in die Knie geht. Schon gar nicht am Ort der Anschläge.

Noch klafft eine 6,5 Hektar große Baulücke wie eine Narbe in Downtown, doch im Frühling einigten sich Chef-Architekt Daniel Libeskind, Besitzer und Behörden endlich über das Bauvorhaben. Kernstück soll ein 1.776 Fuß (540 Meter) hoher „Freedom-Tower“ werden – in Anspielung an das Jahr der Unabhängigkeitserklärung. Auch Platz für ein Gedenkzentrum für die Opfer, von denen viele nicht mehr geborgen werden konnten, wird es auf dem Areal geben.

Helden kämpfen um das Leben danach. Wie die Stadt haben auch die Helden des 11. September, wie etwa die „Staubfrau in Gelb“, Marcy Borders oder der mutige Feuerwehrkommandant Jay Jonas um ihre Existenz nach dem Drama gekämpft.
Auch in ihrem Leben hat der 11. September riesige Narben hinterlassen, die Jahre brauchten – und noch brauchen –, um zu heilen. „Man spürt, dass die Menschen traurig sind. Die Erinnerung sitzt tief wie ein Stachel“, beschreibt Jonas im NEWS-Interview seine täglichen Impressionen. Gleichzeitig schwingt viel Stolz über die Neugeburt „seiner Stadt“ mit. Nach 24 Dienstjahren bei der Feuerwehr kennt er jede Ecke New Yorks. Und er kommt aus dem Staunen nicht heraus: „Dass sich ausgerechnet die Region um Ground Zero zum Nobelbezirk mausern wird, hätte ich mir nie gedacht“, meint Jonas.

Heiß begehrtes Pflaster. Fast 240.000 Jobs verschwanden in der ersten Krise nach den Terroranschlägen in den USA, 90.000 davon allein im Großraum New York. Firmen verlagerten ihre Sitze in andere Gegenden, die Preise für Wohnungen sanken auf Tiefststände. Doch die Malaise ist passé: 8.500 neue Wohnungen wurden allein im Süden Manhattans – der Zone der Anschläge – geschaffen, die Grundstückspreise stiegen um 80 Prozent.

Um 61 Prozent stieg die Einwohnerzahl in der Gegend. Gekommen sind, was bei diesen Preisen wenig wundert, vor allem Betuchte. Der Einkommensschnitt der Zuwanderer beläuft sich auf 75.000 Euro im Jahr. Geld lockt auch Glamour an: So eröffnet Schauspieler Robert De Niro 2007 sein „Tribeca Hotel“ direkt neben Ground Zero, Bruce Willis und Naomi Campbell haben in Downtown bereits Wohnungen gekauft, die in der Gegend nur noch von einer Million Euro aufwärts zu haben sind.
Kein Wunder, dass Makler wie Mitchell Wexler euphorisch sind. „Der Grundstücksmarkt ist besser denn je“, sagt er. „In den ersten sechs Monaten nach 9/11 stagnierte er, aber dann schwang er sich in ungeahnte Höhen auf. Ich habe im letzten Monat fünf Wohnungen verkauft, die über zwei Millionen Dollar gekostet haben“, freut er sich.
Langsam beginnt sich der Boom zwar abzuflachen und nähert sich dem US-Trend am Immobilienmarkt an, dem aufgrund der Zinserhöhungen eine Flaute droht. Die Goldgräberstimmung hält aber noch an: Wohnungspreise in Manhattan stiegen von 2005 auf 2006 um ein Fünftel, Mieten um 15 Prozent.

Der Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg – der sein Amt kurz nach dem 11. September antrat –, wurde nicht allein wegen der Hochkonjunktur im Vorjahr wieder gewählt: „Fünf Jahre nach den Attacken des 11. September haben wir einen Wirtschaftsboom in Manhattan wie nie zuvor“, jubelt er heute. „Mehr Menschen denn je sind in die Nähe des ehemaligen World Trade Centers gezogen. Es ist ein Teil der Stadt geworden, der niemals schläft.“

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30.8.2006 17:14