Dienstag, 5. September 2006

Gespräch mit selbst gewählten Polizisten: Natascha Kampusch lässt sich befragen

  • Vermessungsarbeiten in Strasshof wurden fortgesetzt
  • Wolfgang Priklopils DNA wurde an Interpol übermittelt

Die Befragung Natascha Kampuschs durch Kriminalbeamte ist am Wochenende fortgesetzt worden - ebenso wie die Untersuchung des Hauses in Strasshof, in dem die 18-Jährige acht Jahre lang gefangen war. Das sagte Generalmajor Gerhard Lang vom Bundeskriminalamt (BK).

Die DNA von Nataschas Entführer Wolfgang Priklopil wird nun an Interpol übermittelt. "Dadurch soll geklärt werden, ob der Täter für Straftaten im Ausland in Frage kommt", erklärte Lang, der Sprecher der Sonderkommission. Innerhalb Österreichs ist der DNA-Abgleich bereits durchgeführt worden und hat keine Übereinstimmungen mit biologischen Spuren in der Datenbank ergeben.

Kriminalistische Fragen geklärt
Durch die Befragung Nataschas seien einige kriminalistische Fragen geklärt worden, berichtete Lang, ohne Details zu nennen. Das Team, das die Gespräche führt, hat sich auf zwei Kriminalisten reduziert. "Frau Kampusch hat sich die beiden Beamten selbst ausgesucht", hielt der Sprecher der Sonderkommission fest. Die Gespräche verlaufen laut Lang in einer immer ruhigeren Atmosphäre. "Am Anfang standen ja die Identifizierungsgespräche im Mittelpunkt. Dann gab es zwangsläufig Unterbrechungen durch Besuche von Angehörigen. Jetzt werden die Gespräche nur unterbrochen, wenn wichtige Fragen auftauchen, die nur Frau Kampusch beantworten kann", sagte der Soko-Sprecher.

Im Haus und auf dem Grundstück Priklopils in Strasshof wurden die Vermessungsarbeiten fortgesetzt. "Wir hoffen, die Tatortarbeit in der kommenden Woche beenden zu können. Drängen lassen wir und aber nicht", sagte Lang.

Ungebrochenes Medieninteresse
Im BK treffen nach wie vor zahlreiche Anfragen internationaler Journalisten ein. "Das Medieninteresse ist praktisch ungebrochen", berichtete Lang. "Ich habe heute Journalisten aus Kolumbien ein Interview gegeben. Auch Medienvertreter aus Belgien, Dänemark und Italien haben sich gemeldet. Sie sind nun vor allem an Hintergrundinformationen interessiert und vergleichen den Fall Natascha Kampusch mit ähnlichen Fällen in ihren eigenen Ländern."

Das tut auch die Polizei: Laut Lang steht das BK in Kontakt mit ausländischen Behörden, die sich aus den Erfahrungen im Fall Kampusch mögliche Ansätze für eigene Ermittlungen erhoffen. "Wir sind zum Beispiel in Verbindung mit Kollegen in der Schweiz, wo mehrere Kinder seit Jahren vermisst werden."

Wohnungssuchender als Fluchthelfer
Ein Mann auf Wohnungssuche hat Natascha Kampusch unwissentlich zur Flucht verholfen. Er war es, der vergangenen Mittwoch bei Wolfgang Priklopil anrief, um sich über dessen zu vermietende Wohnung im Wiener Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus informieren wollte. Den kurzen Moment, in dem der 26-jährige IT-Techniker mit Priklopil telefonierte, soll die 18-Jährige zur Flucht genützt haben.

Seine Chefin informierte den 26-Jährigen laut "Wiener Zeitung", dass er zu Kampuschs Retter geworden war. Da er von einem Firmen-Anschluss telefoniert hatte, kontaktierte die Polizei zuerst seine Vorgesetzte. "Ich bin immer noch völlig von den Socken und kann es nicht glauben - so wie all meine Freunde", wird der junge Mann in der Zeitung zitiert.

Laut Bundeskriminalamt hat Priklopil zum fraglichen Zeitpunkt - kurz vor 13.00 Uhr - mehrere Gespräche geführt, darunter auch mit seinem Freund Ernst H. Ermittlungen dazu sind im Gange.

Diente Buch als Vorlage für die Tat?
Neue Spur im Fall Natascha: Hat sich Entführer Wolfgang Priklopil ein Buch als Vorlage für die Tat genommen? Laut Generalmajor Lang vom Bundeskriminalamt gingen mehrere Hinweise ein, dass sich der Tatablauf bereits im Kriminalroman "The Collector" (auf Deutsch "Der Schmetterlingssammler") finden würde. Das Buch von John Fowles kam 1965 auf den Markt und wurde noch in den 60ern verfilmt.

Zu Medienberichten über das Buch "The Collector" von John Fowles, das Priklopil als "Anregung" gedient haben könnte, meinte Lang, man habe einen Hinweis auf dieses Buch bekommen. Im Haus seien weder das betreffende Buch noch der Film gefunden worden. Dennoch müssen sich die Ermittler jede Sequenz ansehen. Lang ergänzte, dass die Geschichte von John Fowles vom Fall Kampusch doch unterscheide. So werde im Buch eine erwachsene Frau entführt, Natascha war zum Zeitpunkt ihres Kidnappings ein zehnjähriges Mädchen. Insgesamt gebe es ständig neue Hinweise, denen man nachgehe. (apa/red)

5.9.2006 17:16