Freitag, 1. September 2006

Das Charisma-Problem: Kanzler Schüssel zeigt im Wahlkampf ungewohnte Schwächen

  • Herausforderer Gusenbauer kann kaum profitieren
  • FORMAT-Analyse über Kampf um den Kanzlerposten

ORF-Wahl und Pflegedebatte: Kanzler Schüssel zeigt ungewohnte Schwächen. Doch sein Herausforderer Gusenbauer kann davon kaum profitieren.

Zu sagen, es liefe in den vergangenen Wochen alles wie am Schnürchen, wäre aus Sicht der ÖVP purer Euphemismus. Zum einen erlitt die Volkspartei vor zwei Wochen bei der ORF-Wahl mit ihrer Kandidatin Monika Lindner eine herbe Niederlage und musste zusehen, wie der SPÖ-nahe Alexander Wrabetz auf den Thron am Küniglberg gehoben wurde. Die Pleite ließ sogar erstmals ÖVP-Funktionäre am Verhandlungsgeschick von ÖVP-Parteiobmann Wolfgang Schüssel zweifeln. ÖVP-Abgeordneter Ferdinand Maier im "profil": "Die Geschäftsführung eines Würstelstandes beim Wiener Stadtfest wird professioneller vorbereitet."

Zum anderen agierte Schüssel auch in der Pflegediskussion der vergangenen Wochen ungewohnt fehleranfällig. Während der Urlaubszeit entwickelte sich die sensible Pflegedebatte zum echten Wahlkampfthema. Als Schüssel das Thema mit den Worten "Es gibt keinen Pflegenotstand in Österreich" wegwischen wollte, verpasste er damit laut dem Politikwissenschaftler Peter Filzmaier auch die Chance, mit dem Thema Pflege offensiv zu punkten. Filzmaier: "Schüssel hat ohnedies ein Problem bei der Volksnähe. Mit dem Wegwischen der Pflegediskussion hat er eine Chance verpasst, hier Boden gutzumachen." Durch die überraschende Fehleranfälligkeit Schüssels würde, so Filzmaier, vor allem die Verunsicherung der eigenen Funktionäre steigen. Furcht ist aber in Wahlkampfzeiten ein schlechter Ratgeber, wie auch die SPÖ bestens aus der Bawag-Affäre weiß.

Trotzdem. In der ÖVP-Wahlkampfzentrale will man von einem Fehlstart nichts wissen. Hannes Rauch, rechte Hand von ÖVP-Wahlkampfchef Reinhold Lopatka, meint gegenüber FORMAT: "Unser Wahlkampfdrehbuch läuft nach Plan. Eine weitere Plakatserie soll "zeitgerecht" im September starten. Inhaltlich werde man mit den Themen innere und soziale Sicherheit, Familien und Energie mit Landwirtschaftsminister Josef Pröll präsent sein.

An der gegenwärtigen Situation interessant sei, sagt Politikwissenschaftler Filzmaier, dass es SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer bisher nicht schafft, von den Schwächen des Kanzlers zu profitieren. In der Kanzlerfrage schneidet Schüssel zwar etwas schlechter ab als vor einem Monat, Gusenbauer konnte aber nur leicht zulegen. In einer aktuellen OGM-Umfrage würden 27 Prozent für Schüssel, 18 Prozent für Gusenbauer votieren. Was tatsächlich überrascht, sind die schlechter werdenden Werte Schüssels in Umfragen zum Faktor "Führungsanspruch" und "Stabilität".

Genau diesen Führungsanspruch will die SPÖ nun bis zur Wahl mit einem Mix aus Themenwahlkampf und der kanzlertauglichen Positionierung Gusenbauers stellen. SPÖ-Wahlkampfleiter Norbert Darabos erklärt: "Glücklicherweise sind derzeit genau jene Themen präsent, bei denen wir die meisten Kompetenzen aufweisen: Gesundheit, Arbeitsmarkt, Jugendarbeitslosigkeit und Pensionen." Parallel dazu müsse auch Gusenbauer den Spagat zwischen angriffigem Oppositionschef und verantwortungsvollem Staatsmann schaffen. Darabos: "Daran zweifle ich keine Sekunde."

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1.9.2006 10:57