Freitag, 25. August 2006

Pilcher-Filme im Trend: Hera Lind im TV-MEDIA-Interview über den Romantik-Boom

  • "Lindström-Schnulzen sind überhaupt nicht verlogen"
  • Meisterin der seichten Muse erklärt 'Schmalz-Quoten'

Coole Menschen schauen CSI. Wer's dagegen lieber warm ums Herz hat, dreht den Fernseher bei Inga Lindström und Rosamunde Pilcher auf. Und das tun viele: Die im Rahmen des ORF-Romantiksommers zuletzt gezeigten TV-Movies nach Romanen der beiden Kitsch-Queens verbuchten im Schnitt 704.000 Zuseher, und auch der Marktanteil (29,5 %) konnte sich mehr als sehen lassen. TV-MEDIA bat eine prominente Expertin zum Gespräch über das Erfolgsphänomen: Hera Lind, deutsche Bestsellerautorin ("Das Superweib", zuletzt "Die Champagner-Diät") mit Wohnsitz Salzburg und selbst eine Meisterin der seichten Muse.

TV-MEDIA: Sind TV-Romanzen à la Pilcher und Lindström, mit all den schönen Menschen und ihren Pseudoproblemen, nicht heillos verlogen?
Lind: Verlogen wären sie, wenn ihre Autorinnen behaupten würden: So, wie wir sie zeigen, ist die Welt. Das tun sie aber nicht. Die von mir sehr geschätzten Kolleginnen erheben keinerlei Anspruch, etwas anderes abliefern zu wollen, als letztlich drinsteht in ihren Romanen. Ihre Fans wollen für ein paar Stunden nette Unterhaltung haben, ob sie nun einen Film schauen oder ein Buch lesen. Und genau das bekommen sie auch.

TV-MEDIA: Ist die triste Wirklichkeit mit für den Boom verantwortlich? Immerhin bieten Herz-Schmerz-Schmonzetten eine Art Notausgang in die heile Welt.
Lind: Glaub ich nicht, denn das Bedürfnis der Menschen nach schönen Dingen, nach Harmonie, nach Landschaft, die das Auge erfreut - das gab's meines Erachtens immer schon.

TV-MEDIA: Wie nutzen Sie das TV?
Lind: Ich sehe mehr oder weniger überhaupt nicht mehr fern, weil ich mich total überfüttert fühle. Das ist so, wie wenn dir die Mutter dauernd den Kuchen unter die Nase schiebt und sagt: Kind, iss doch! Da vergeht mir jeder Hunger.

TV-MEDIA: Sie waren zuletzt vor allem wegen privater und finanzieller Rückschläge in den Medien. Hat Ihre Krisengeschichte ein Happy End gefunden?
Lind: Ja! Das Leben hat mir eine Watsch'n mit erzieherischer Wirkung erteilt, heute bin ich glücklicher als zuvor. Die Krise hat mir einerseits gezeigt, welch große Stärkereserven in mir stecken, andererseits wurde mir wieder richtig bewusst, wie viel mir meine Familie und meine Freunde geben.

TV-MEDIA: In Ihren Büchern kriegt am Schluss jeder, was er verdient - wie auch bei Pilcher und Lindström. Warum sollte ich also einen Roman von Ihnen kaufen?
Lind: Was meine Bücher denen der Kolleginnen voraushaben, ist, dass sie witziger sind. Wenn Sie Pilcher lesen, lächeln Sie vornehm. Bei mir dagegen fängt früher oder später jeder schallend zu lachen an. (TV-MEDIA Nr. 35/2006)

25.8.2006 13:04