US-Tennis Damen tief in der Krise: Erstmals
seit 1975 Top Ten ohne Spielerin aus USA
- Auch bei Herren nach Agassi-Abgang Lage nicht rosig
- Roddick spricht von erfolgsverwöhnten Amerikanern
·US Open: Federer
will den Titel-Hattrick
Mauresmo, Scharapowa, oder Henin-Hardenne top?
·Tennis: So steht's in den Weltranglisten!
Serena Williams und
Rafael Nadal die Nr.1
Im Schatten von Andre Agassi sagt bei den diesjährigen US Open in New York eine Große des Damen-Tennis dem Sport Adieu: Rekordsiegerin Martina Navratilova, seit 1981 leidenschaftliche US-Amerikanerin, zieht sich nach ihrem schon vor längerem erfolgten Einzel-Rücktritt kurz vor ihrem 50. Geburtstag auch aus der Doppel- und Mixed-Szene zurück. Und irgendwie markiert der Abschied dieser beiden Weltstars eine Zäsur im US-Tennis. Eine Zäsur, die sich im Ranking schon länger zeigt.
Vor allem im Damentennis ist diese eklatant: Mit dem Rückfall von Lindsay Davenport auf Platz 11 am vergangenen Montag scheint erstmals seit Einführung der WTA-Computer-Rankings 1975 (!) keine US-Amerikanerin in den Top Ten auf. Vorbei sind die Zeiten von Dominatorinnen wie Chris Evert, Martina Navratilova, Monica Seles und auch Jennifer Capriati. Und die beiden Williams-Sisters Serena und Venus sind auf Grund von Verletzungen weit zurückgefallen: Venus ist derzeit 31. und zweitbeste US-Amerikanerin in der Weltrangliste (sie hat für die Open abgesagt), Serena ist als 90. gerade noch in den Top 100.
Nachwuchs fehlt
Hinter den arrivierten, aber auch nicht jünger werdenden Stars kommt einfach nichts wirklich Starkes nach. "Ich weiß ehrlich nicht, warum", wundert sich auch die bisher letzte Weltranglisten-Erste aus den USA, Lindsay Davenport. "Ich denke, Serena, Venus und ich haben im vergangenen Jahrzehnt einen guten Job gemacht. Aber leider sind keine größeren US-Stars nachgekommen, um uns zu helfen."
Hingegen finden sich vier Russinnen in den Top Ten, zwei Belgierinnen und zwei Schweizerinnen, eine Französin und eine Tschechin: Damen-Tennis ist also fast zu einer europäischen Angelegenheit geworden.
Nicht ganz so schlimm ist es bei den Herren: James Blake hat sich mit Siegen in Indianapolis, Las Vegas, Sydney sowie Finali in Indian Wells und Queens auf Platz 5 gespielt, Andy Roddick mit seinem langersehnten ersten Titel 2006 in Cincinnati wieder in die Top Ten zurückgekämpft. Roddick hat sich aber bemerkenswerterweise Hilfe aus den "guten alten Zeiten" geholt: Ihm steht seit einigen Wochen der Haudegen Jimmy Connors als Trainer zur Seite. Connors ist das Pendant zu Navratilova, mit 109 Titeln Rekordsieger bei den Herren.
Roddick kritisiert Amis
Und Roddick kann das Gejammere in den Medien nicht nachvollziehen. "Es amüsiert mich, dass andere Länder wie Frankreich den 25. Jahrestag feiern, als Yannick Noah die French Open gewonnen hat. Wir gewinnen drei Jahre keinen und alle spielen verrückt", sagte Roddick und spricht von zu hohen Erwartungen der Öffentlichkeit. Er wisse schon, dass man einfach verwöhnt war. Ein Champion folgte dem anderen. "Aber die Leute müssen verstehen, dass so etwas in Wellen geht. Es hat ein ähnliches Wellental von 1986 bis 1988 gegeben."
Sein Trainer hatte allerdings schon in Wimbledon einen Schrei der Verzweiflung losgelassen. Der 53-jährige Connors, der in diesem Jahr ein neues Hüftgelenk erhalten hat, war angesichts des schwachen US-Abschneidens entsetzt. Erstmals seit beinahe 100 Jahren (1911) war das Viertelfinale beim traditionsreichsten Turnier der Welt im Herren- und im Damenbewerb ohne die USA in Szene gegangen.
Es sei schockierend, was sich derzeit im Tennis abspiele. "Wir sind träge geworden. Wir haben über mehrere Generationen hinweg dominiert und die anderen haben daraus ihre Lehren gezogen. Sie sind größer und stärker geworden und wir sind den umgekehrten Weg gegangen." Der achtfache Grand-Slam-Sieger sieht Handlungsbedarf: "Wir müssen in die Hände spucken und nach neuen Talenten suchen", sagte er. Und an bestehenden arbeiten wie einem Andy Roddick.
(apa/red)
