Montag, 23. Oktober 2006

Verzerrtes Bild von Natascha Kampusch gezeichnet? "Sie ist nicht das arme Opfer"

  • Jugendanwältin: Sie ist "sehr klug und eloquent"
  • Friedrich: Erstes Interview frühestens in Wochen

"Im Moment geht es Natascha gut. Sie genießt es, Zeit für sich zu haben. Mit großem Interesse verfolgt sie die Medienberichterstattung. Sie sieht fern, liest Zeitungen. Und es stört sie sehr, dass sie oft nur in einer speziellen Rolle vorkommt. Sie ist nicht das arme Opfer. Sie ist eine erwachsene junge Frau". Das erklärte die in die Betreuung von Natascha Kampusch eingebundene Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits. Bis Natascha selbst an die Öffentlichkeit treten kann, werde es noch einige Wochen dauern, meint der Wiener Kinderpsychiater Max Friedrich.

Natascha Kampusch wird das Wochenende in therapeutischer Betreuung verbringen. Pinterits hat einige Stunden an ihrer Seite erlebt, wird aber bewusst nicht rund um die Uhr bei ihr sein. Pinterits hat sich eingehend mit der mittlerweile 18-jährigen unterhalten. "Natascha ist sehr klug und sehr eloquent. Sie hat ihre Bilder im Kopf. Sie erfasst sehr schnell. Und sie hinterfragt sehr viel", beschrieb die Kinder- und Jugendanwältin eine durchaus selbstsichere junge Frau.

"Sie saugt alles auf"
"Natascha Kampusch erwartet Respekt für ihre Person. Sie erwartet sich, dass ihre Privatsphäre trotz der übergroßen Teilnahme an ihrem Leben geachtet wird", betonte Pinterits. Die Frau wünsche auch "gute Berater", möchte aber selbst wählen, wer mit welchen Aufgaben betreut wird. "Sie ist sehr gescheit. Sie saugt alles auf. Es ist faszinierend, sie ist zwar teilweise noch in der alten Welt, findet sich aber schnell zurecht", berichtete Pinterits. Sie zeigte sich überzeugt, "dass sie es schaffen wird, das, was sie erlebt hat, aufzuarbeiten."

Es gehe nun darum, Natascha Kampusch ein "dosiertes Kennenlernen der Welt" zu ermöglichen. Sie stundenlang zu dem zu befragen, was sie hinter sich hat, dürfe nicht vorrangig sein: "Wichtig ist jetzt, dass ihr Zeit gegeben wird."

Interview erst in Wochen
Kritik an den Medien hat der prominente Wiener Kinderpsychiater Max Friedrich geübt. Durch die exzessive - auch internationale - Berichterstattung eine "zweite Viktimisierung" der jungen Frau. "Sie machen dieses Opfer gleich noch einmal zum Opfer", meinte er. Der Aufenthaltsort der jungen Frau ist derzeit offenbar eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Republik, das auch mit Hilfe gezielter Fehlinformationen gewahrt bleiben soll.

Bevor Natascha Kampusch ein Interview gebe, werde es noch Wochen und Monate dauern, prophezeite Friedrich. Derzeit sei es wichtig, "dass sie das Leben kennen lernt und lernt zu entscheiden, was sie will und was sie nicht will." Dabei müsse man auch darauf achten, dass ihr eine Äußerung nicht schade. "Man muss schon berücksichtigen, in welchem Zustand sie ist."

Urvertrauen verloren
Für Gerichtspsychiater Reinhard Haller ist Nataschas "Urvertrauen verloren gegangen". Daher könne es zu einer Ablehnung der Eltern und des persönlichen Umfeldes kommen, wie dies auch bei anderen Entführungsopfern geschehe, so Haller. Er plädierte dafür, die Angehörigen ebenfalls zu betreuen, auch die Mutter von Wolfgang Priklopil.

Der Fall, dass ein Kind seine Jugend in Einzelhaft erlebe, sei "tatsächlich ein Einzelfall", sagte der Psychiater. "Ein zehnjähriges Mädchen ist aus dem Haus gegangen und kehrt als traumatisierte Frau heim." Mit einer normalen Gefangenschaft lasse sich das Geschehen auf jeden Fall nicht vergleichen: "Ein Häftling weiß, warum er in Haft ist. Das ist nicht so kafkaesk." Auch habe ein Verurteilter stets Informationen darüber, wann das Eingesperrtsein zu Ende gehen werde. "Die Ungewissheit ist in diesem Fall ein entscheidender Faktor", so Haller.

Die derzeitige Abschirmung von Natascha Kampusch hält Haller für notwendig, um eine Schockreaktion hintan zu halten. "Sie steht jetzt im Mittelpunkt des Interesses. Das ist 180 Grad gegenteilig zu dem, was sie davor erlebt hat."

(apa/red)

23.10.2006 17:29