Donnerstag, 24. August 2006

Vielleicht aus Angst geflüchtet? Flucht könnte Gewaltverbrechen verhindert haben

  • Neue Beziehung zwischen Täter und Opfer entwickelt
  • Psychiater: "Sie fühlen sich dann wie ein Gott"

Auch wenn die Hintergründe des Falles Kampusch noch im Unklaren sind, so könnte die Flucht des Mädchens darauf hindeuten, dass sich die Situation in dem Haus in Strasshof zugespritzt hat. Wie der Psychiater und Missbrauchsspezialist Dr. Max Friedrich gegenüber der APA sagte, könnte sich die symbiotische Beziehung zwischen Natascha und Wolfgang Priklopil so verändert haben, dass die 18-Jährige die Flucht gewagt hat. "Vielleicht aus Angst, vielleicht hat sie neuen Mut gefasst", sagte der Psychiater.

Denkbar ist, dass der Täter auf Grund der Veränderung von Natascha vom leicht zu kontrollierenden Kind zur Frau mit eigenem Ich das Interesse an ihr verloren hat. Dies würde auch die Nachlässigkeit Priklopils in den vergangenen Monaten erklären. "Er hat sie sicherlich lange infantil gehalten, doch könnte sie einen Befreiungsschub ins Erwachsenen-Dasein vollzogen haben", sagte Friedrich.

Genau dieser Wandel in Körper und Wesen von Natascha könnte den Fantasien von Priklopils zuwidergelaufen sein. "Er hat sie kindlich imaginiert", sagte Friedrich. Für Natascha hätte dies dramatische Folgen haben können. Wäre ihr Peiniger ihrer überdrüssig geworden, wäre "auch ein Tötungsdelikt nicht ausgeschlossen gewesen", so der Psychiater.

"Sie fühlen sich dann wie ein Gott"
Der Täter dürfte selbst schwere psychische Störungen aufgewiesen haben. "Er ist zwischen magischen Denken und ödipaler Phase stecken geblieben", erklärte Friedrich. Lustgewinn würde für diese Menschen vor allem durch die Kontrolle von anderen einhergehen. "Sie fühlen sich dann wie ein Gott", so der Psychiater. Die Unauffälligkeit und Angepasstheit im Alltagsleben würde dem nicht widersprechen. "Diese Menschen führen oft ein Leben wie aus zwei völlig verschiedenen Büchern", meinte Friedrich.

Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass Priklopil bis zum Tatzeitpunkt nicht einschlägig auffällig geworden ist. "Viele Täter sagen, dass sie jahrelang ihre Fantasien hatten, bevor sie sie ausgelebt haben", so Friedrich. Der Experte vermutete allerdings, dass Priklopil Natascha gekannt haben muss. "Vielleicht hat sich einfach eine gute Gelegenheit ergeben", so der Psychiater.

(apa/red)

24.8.2006 13:21