Donnerstag, 24. August 2006

"Weihnachtsfreuden im Gemeindebau":
Die ehemalige kleine Nachbarin ist zurück

  • Nachbarn: "Ich dachte, sie wurde umgebracht"

Rund 1.000 Wohnungen, 12.000 Menschen - der Gemeindebaukomplex am Rennbahnweg 27 in Wien-Donaustadt, in dem die nach acht Jahren wieder aufgetauchte Natascha Kampusch gewohnt hat, versprüht tristen Charme. Im Beisl der Wohnhausanlage hören ältere Männer Radio. Bei den Nachrichten wird lauter gedreht. Seit die damals Zehnjährige wieder aufgetaucht ist, ist der Fall das Topthema: Kriminalistische Theorien werden gesponnen und alle freuen sich, dass Natascha von Stiege 38 am Leben ist.

"Schön, dass sie lebt. Ich dachte, sie wurde umgebracht", sagte Rosa Marinkovic, seit 15 Jahren Mieterin in dem Bau. Mit dem plötzlichen Auftauchen der heute 18-Jährigen habe niemand mehr gerechnet. "Sie wird es im Leben jetzt schwer haben. Viel Liebe und Geduld wird sie brauchen, aber beim Vater wird es ihr gut gehen", meinte die 57-Jährige, die sich an die kleine Natascha als normales Kind erinnern kann.

In Erinnerung hat das damals pummelige Mädchen auch ein ehemaliger Spielkamerad. "Als ich sechs Jahre alt war haben wir im Hof zusammen gespielt", sagte der 15-Jährige, der auf der Nachbarstiege 39 zu Hause ist. "Meine Schwester und Natascha waren gute Freunde", erklärte der Dachdeckerlehrling. Ein Schock sei für ihn das Auftauchen der Freundin gewesen. Wieder erkennen würde er sie nicht, meinte er.

"Ich habe gleich ein Kerzerl angezündet, als ich das gehört habe", sagte Hildegard Gaider, seit 30 Jahren Hausbesorgerin der Stiegen 1, 2 und 3. Im Innenhof des Baus sei noch einiges los gewesen. "Du, die Kampusch haben's gefunden", haben man von allen Seiten gehört. Beim Kaffee trafen sich die Nachbarn und zerbrachen sich den Kopf darüber, wie Natascha so lange unentdeckt bleiben konnte. "Die Mutter steckt sicher dahinter", mutmaßte die Hausbesorgerin. Nataschas Entführer habe sie mit seinem Freitod decken wollen, so ihre Theorie. "Diese Frau hat nie etwas von Kindern gehalten", meinte Gaider. Ihre Trauer sei Schauspielerei gewesen.

"Das ist wie Weihnachten. Uns hat es gestern Abend die Haare aufgestellt", schilderte Andre Rotter aus der Nachbarstraße. Natascha wird nicht gewusst haben wo sie ist, sonst hätte sie die Flucht schon früher ergriffen", meinte der Vater eines kleinen Buben, der in den vergangenen Jahren in Strasshof nach einem Haus für seine Familie gesucht hatte. "Unglaublich, dass das nur zehn Minuten von hier ist", meinte er.

"Es wäre interessant gewesen, was das für ein Mensch war", meinte Rotter über den 44-jährigen Entführer. "Was so einem wohl durch den Kopf geht? Das war mit Sicherheit ein Psychopath", vermutete er.

Sonnenstrahlen, die zwischen den Wolken hindurchblinzeln, wollten die freudige Stimmung zu Mittag verdeutlichen. Hausbesorgerin Gaider zupfte Unkraut zwischen den Betonplatten am Boden hervor. "Der Zufall hat Regie gespielt - Gott sei Dank."

(apa/red)

24.8.2006 12:04