Fall Kampusch: Verdächtiger war sehr unauffällig und hatte nur wenige Freunde
- Wolfgang P. (44) warf sich auf Flucht vor Zug
- Entführer wurde schon 1998 befragt überprüft

Als unauffälligen Einzelgänger, unbescholten und zurückgezogen beschreiben Angehörige und die wenigen Freunde von Wolfgang P. (44) den Entführer von Natascha Kampusch. "Kontaktscheu" sei er gewesen und ein "Technikfreak", haben die Ermittler zu hören bekommen, sagte Erich Zwettler vom Bundeskriminalamt.
Offenbar habe der Mann nur zwei Freundschaften gepflegt - zu jenem Bekannten, den er nach seiner Flucht aus Strasshof a.d. Nordbahn um Hilfe gebeten hatte, und einem zweiten, mit dem er in Wien eine Firma betrieben haben soll, die sich mit dem Vermieten von Immobilien beschäftigte. Einer der beiden Bekannten habe Natascha Kampusch in der Zeit ihrer langen Gefangenschaft ein Mal kurz gesehen, alle zwei Männer reagierten höchst überrascht, als sie vom Doppelleben des Wolfgang P. erfuhren.
Der 44-Jährige beging Selbstmord, indem er sich vor einen Schnellbahnzug warf. Die Großfahndung nach dem Verdächtigen lief da längst auf Hochtouren. Natascha Kampusch wurde noch in der Nacht behutsam vom Tod des Mannes in Kenntnis gesetzt. "Er war jahrelang ihre einzige Bezugsperson", sagte Zwettler. Eine emotionale Bindung an den Entführer - Stichwort Stockholm-Syndrom - könne in solchen Extremsituationen "nach meinem Wissensstand schon nach drei, vier, fünf Tagen" auftreten. "Man kann davon ausgehen, dass das in diesem Fall zutrifft."
Entführer wurde schon 1998 überprüft
Um 20.59 Uhr wurde die Polizei von den ÖBB informiert, dass sich ein Mann bei der Nordbahnstraße 56 vor die Schnellbahn geworfen hat. Bei der schwer verstümmelten Leiche wurde ein BMW-Schlüssel gefunden. Dieser passte einwandfrei zu dem sichergestellten Fahrzeug im Donauzentrum. Außerdem hatte der Selbstmörder eine weiße Hose, ein weißes T-Shirt, Adidas-Schuhe und einen braunen Gürtel an. Diese Kleidung wurde von dem Freund eindeutig wiedererkannt.
Der Entführer wurde bereits im April 1998 von der Polizei befragt. Damals wurden mehr als 1.000 Besitzer von weißen Kastenwagen überprüft. Eine Schulfreundin hatte nämlich ausgesagt, Natascha Kampusch sei in ein solches Fahrzeug gezerrt worden. P. hat bei seiner Überprüfung ausgesagt, dass er den Wagen für Bauarbeiten in Strasshof benötigte. Das klang laut Zwettler plausibel, da der Kastenwagen mit Bauschutt beladen war. Mangels weiterer Hinweise habe es keine Hausdurchsuchung gegeben.
Entführer wurde nachlässig
Ein lockerer Umgang mit dem Entführungsopfer dürfte Wolfgang P. zum Verhängnis geworden sein. "Er war nicht mehr so vorsichtig wie am Anfang", sagte Generalmajor Nikolaus Koch, der die Ermittlungen leitet. Ob er Natascha Kampusch zum Einkaufen mitgenommen hat, ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Sicher ist jedoch, dass er ab Frühling 2006 "offensiver und frecher geworden ist", sagte Koch.
"In einem Augenblick, der für sie günstig war, ist sie hinausgelaufen. Kurzfristig war sie nicht unter seiner Kontrolle", schilderte Koch.
Pass von Natascha im Verlies gefunden
Die Ermittlungen sind die ganze Nacht hindurch weitergelaufen. Hauptaugenmerk war das Haus in Strasshof. Die Spurensicherung war noch im Gange. Dabei wurden die Pässe von Natascha Kampusch und ihrem Entführer gefunden.
"Wir wissen jetzt, wo die Frau untergebracht war, wie groß das Verlies war, wie penibel hier gearbeitet wurde", erzählte Koch. Das Verlies habe alle nötigen Einbauten wie Toilette und Bad, man könne dort wohnen.
"Wir hoffen, in nächster Zeit noch mehr Beweise zu diesem Fall zu finden", so Koch. Natascha Kampusch ist weiterhin in polizeilicher Betreuung. "Wir werden mit ihr diesen Kriminalfall Punkt für Punkt aufarbeiten. Wir haben sie noch ausruhen lassen".
Natascha weiß vom Selbstmord ihres Peinigers
Kampusch sei in guter Verfassung. Sie habe bereits gefrühstückt. Und sie weiß, dass P. tot ist, sagte Koch. Wie sie auf den Selbstmord ihres Peinigers reagiert hat, konnte der Ermittler nicht sagen. Über das Motiv des Täters und ob sexueller Missbrauch an Natascha Kampusch stattgefunden hat, das ist Gegenstand der Ermittlungen.
Die 18-Jährige habe ziemlich gefasst auf die Todesnachricht reagiert. Sie hat offenbar irgendwie damit gerechnet. Er hatte ihr gesagt: 'Lebend erwischen die mich nie'."
Auf die Frage, ob P. Komplizen hatte, sagte Koch, "man kann es weder aus- noch einschließen". Fest stehe jedoch, dass keine Beziehung zu der Familie von Natascha Kampusch bestanden hat.
(apa/red)
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