Spurensuche unter extremen Bedingungen:
Ermittlungen in winzigem Verlies Nataschas
- Technisches Gerät passt nicht durch kleine Öffnung
- Kampusch verbrachte Wochenende mit Gleichaltrigen
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Jugendanwältin: "Sie ist
nicht das arme Opfer"
·Natascha Kampusch: Seit 2.3.98 abgängig!
Ratlose Polizei ging un- zähligen Hinweisen nach
·GRAFIK: Grundriss von Kampuschs Verlies
Klo, Bett und Schränke auf winzigstem Raum
·Mutter hat fest an Rückkehr geglaubt
Brigitta Sirny stolz auf Tochter: Bewundernswert
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Anwohner in Heinestraße zeigen sich geschockt
·Opfer mit "schwerem Stockholm-Syndrom"
Junge Frau solidarisiert sich mit ihrem Entführer
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Die Ermittler arbeiten im Fall Natascha auf Hochtouren. Die Arbeiten gestalten sich extrem schwierig, da dringend benötigte technische Geräte nicht durch die kleine Öffnung in das Verlies in Strasshof gebracht werden können. Natascha Kampusch hat die letzten Tage zwar von der Öffentlichkeit abgeschirmt, aber keineswegs alleine verbracht. Wie die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits erzählte, war die junge Frau von Gleichaltrigen umgeben, mit denen sich Natascha angeregt unterhalten haben soll. Sie habe es genossen, mit jungen Menschen in Kontakt zu treten. "Sie ist gut drauf", sagte Pinterits. Im Bild links eine Computersimulation von anti-kinderporno.de - so könnte Natascha heute aussehen.
Die polizeilichen Untersuchungen im Haus des Entführers Wolfgang Priklopil in Strasshof dauern weiter an. Wie Generalmajor Gerhard Lang vom Bundeskriminalamt (BK) erläuterte, gestaltet sich die Spurensuche alles andere als einfach: "Es ist ein Riesenproblem, dass nur einer, maximal zwei Kollegen in dem Raum arbeiten können, in dem Natascha festgehalten worden ist."
Um überhaupt in den Raum zu gelangen, gilt es einen engen, schlauchartigen Zugang zu überwinden. Das erschwert es, größere technische Geräte in das Zimmer zu schaffen, die für die Arbeit der Polizei dringend benötigt werden.
In Wolfgang Priklopils Haus sind unter anderem Videos und Bücher sichergestellt worden, war zu erfahren. Es handle sich dabei um Jugend- und "Lehrbücher", mit denen sich Natascha beispielsweise das Stricken beigebracht hat. "Wir werden uns jetzt jede Sequenz der Videos anschauen", auch die Bücher werde man genau analysieren, sagte Lang.
Außerdem wurden schriftliche Aufzeichnungen - Notizen auf Spickzetteln, in Heften, auf A4- und A5-Bögen sowie Einkaufszettel - entdeckt. Man wolle nun klären, "wer das geschrieben hat", sagte Lang. Erst dann werde man die Notizen inhaltlich auswerten. Ein Tagebuch von Natascha sei nicht gefunden worden.
Kampusch kann alles allein entscheiden
Was mit Natascha weiter geschieht, "ist allein ihre Entscheidung", betonte Lang. Medizinische Untersuchungen hätten ergeben, dass die junge Frau "voll handlungsfähig" sei. "Es gibt daher keine Grundlage, sie festzuhalten. Sie kann sämtliche Entscheidungen selber treffen", erklärte Lang.
In diesen Prozess will auch das psychologische Betreuungsteam, das sich um die junge Frau kümmert, nicht eingreifen. Man werde Natascha "beraten" und sich mit ihr besprechen, ihr aber "keine Strategie" vorgeben, sagte Pinterits. Dem Vernehmen nach soll eine Wohnung bzw. betreute WG bereit stehen, in die Natascha Kampusch theoretisch einziehen könnte.
Befragung erst, wenn sie bereit ist
Generalmajor Lang versicherte, die Befragung Nataschas zu ihrer achteinhalbjährigen Gefangenschaft werde erst dann fortgesetzt, "wenn sie es wünscht. Es hängt davon ab, wann sie einvernahmebereit ist."
Die sterblichen Überreste ihres Entführers, der nach Nataschas Flucht am vergangenen Mittwochabend Selbstmord verübt hat, befinden sich nach wie vor in der Gerichtsmedizin. Die Leiche wurde noch nicht freigegeben, womit derzeit nicht absehbar ist, wann Priklopil bestattet wird.
Kein Kontakt mit Eltern
Nicht einmal zu ihren Eltern hat Natascha derzeit Kontakt, ihrem Vater hat sie einen Brief geschrieben, in dem sie um Verständnis für die Auszeit bat. Besonders die Mutter leidet unter der Trennung von ihrer Tochter und wünscht sich, dass sie bald wieder bei ihr wohnt.
Mutter und Freund von Priklopil entlastet
Nach derzeitigem Wissenstand habe weder die Mutter des 44-jährigen Entführers noch sein Freund etwas mit der Tat zu tun, erklärte Lang. Der Freund Priklopils habe den Beamten bei der Fahndung nach dem Täter geholfen. Er habe die Ermittler darüber informiert, was in den Stunden zuvor passiert sei und habe schließlich bei der Identifizierung des Leichnams geholfen. Von der Entführung hat er nichts gewusst, sagte Lang. Auch Natascha habe der Freund des Entführers nie zu Gesicht bekommen. Die Firma des Mannes werde derzeit überprüft.
Laut Natascha kein zweiter Täter
"Befragungen mit Natascha haben ergeben, dass es keinen zweiten Täter gibt", berichtete der Ermittler. Um das völlig auszuschließen, müssten jedoch alle Spuren aus dem Haus des Entführers vollständig ausgewertet werden. "Vieles, was Priklopil zu Natascha gesagt hat, stimmt nicht. Er hat sein Opfer manipuliert", sagte Lang. Jenes Mädchen, dass die Entführung im März 1998 beobachtet hat, wurde in den vergangenen Tagen erneut einvernommen. "Zwei Täter hat sie nie gesehen", sagte Lang. Sie sei lediglich davon ausgegangen, dass sich in dem Auto auch ein Fahrer befunden haben müsste.
Sie glaubt aber noch immer, dass sich damals zwei Täter in dem weißen Mercedes-Kastenwagen befunden haben. Nach Angaben von Lang haben, hat sie den 44-jährigen Entführer Wolfgang Priklopil auf einem Foto wieder erkannt.
Das damals zwölfjährige Mädchen sei nach dem Entführungsfall im März 1998 mehrmals und nach der Flucht von Natascha Kampusch erneut befragt worden, sagte Lang. Sie habe damals von zwei Tätern gesprochen und sei auch jetzt der Überzeugung, zwei Täter gesehen zu haben. Beschreibungen konnte sie allerdings nicht abgeben.
Natascha äußert erste Wünsche: Kaffee und Kreuzfahrt
Mittlerweile drangen die ersten Wünsche von Natascha an die Öffentlichkeit: Wie der "Kurier" berichtet, möchte die 18-Jährige gerne ein Handy haben und plant eine Reise nach England. Ihr Vater Ludwig Koch erzählte in der "Kronen Zeitung", dass seine Tochter am liebsten einfach raus und ungestört einen Kaffee trinken möchte. Sie werde jedoch derzeit auf Schritt und Tritt von einerm Kamerateam verfolgt. Sie träume davon, mit ihrer Familie allein zusammen zu sein und eine Kreuzfahrt zu machen. Mit ihrem Vater wolle sie auch in das vertraute Ungarn fahren, wo sie auch am Tag vor der Entführung war. Dort möchte sie laut ihrem Vater in dem Gasthof feiern, wo die Familie immer war. Und alle Freunde aus ihrer Kindheit wiedersehen.
"Warum darf ich mein Kind nicht sehen?"
Die Mutter des wieder aufgetauchten Entführungsopfers Natascha Kampusch, Brigitta Sirny, leidet darunter, dass sie ihre Tochter seit ihrer Rückkehr erst einmal sehen konnte. "Warum darf ich mein Kind nicht sehen?", fragt Sirny in einem Interview mit der Tageszeitung "Kurier". "Natascha ist jetzt wieder weggesperrt. Das ist furchtbar für mich. Psychologen und Ärzte, das ist alles gut und wichtig. Aber eine Tochter braucht doch auch ihre Mutter." Sie wünsche sich, dass ihre Tochter wieder bei ihr wohne, "aber Natascha ist 18 und wird es selbst entscheiden."
Sirny hofft, dass ihre Tochter "das, was sie erlebt hat, langsam verarbeitet. Dass sie ihre Ausbildung nachholen kann und einen Beruf ergreift. Ich möchte ihr auf diesem Weg zur Seite stehen. Es wird nicht leicht sein, aber ich bin sicher, dass sie es schafft", so die Mutter.
Vater kann sein Glück nicht fassen
"Sie hat mir einen Brief geschrieben, dass es ihr gut geht", erzählte Nataschas Vater Ludwig Koch. Seine Tochter bat ihn um Verständnis, dass sie sich am Wochenende "ausrasten" wolle. "Wir werden alle Zeit der Welt haben", ließ Natascha in dem Schreiben ihren Vater wissen, der sie natürlich gern gesehen hätte.
"Es ist das Schönste, was es gibt, dass sie wieder da ist", konnte der Mann sein Glück noch immer kaum in Worte fassen. Er würde seine Tochter am Liebsten sofort bei sich aufnehmen oder ihr eine eigene Wohnung zur Verfügung stellen: "Sie könnte alles von mir haben." "Der Natascha ihr Wille geschehe", lautet aber die oberste Prämisse ihres Vaters. "Jetzt soll behutsam geschehen, was die Natascha will", meinte der 51-Jährige.
Andererseits stört es Koch, dass er den derzeitigen Aufenthaltsort seiner Tochter nicht kennt: "Ist es nicht ein Irrsinn, dass ich nicht weiß, wo sie sich jetzt befindet?" Ihm ist unverständlich, weshalb Nataschas Mutter und er in diese Abläufe nicht eingebunden worden sind.
Priklopil kein Serientäter
Ein Abgleich der DNA des Kampusch-Entführers Wolfgang Priklopil in der österreichischen Datenbank hat keinen Treffer gebracht. Während die Untersuchungen des Verlieses auch am Wochenende anhalten, ist die Polizei bereits jetzt über die Perfektion der Tat erstaunt. Der DNA-Test zeige zumindest, dass Priklopil kein Serientäter in Österreich sei, meinte der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Generalmajor Gerhard Lang. Die DNA-Datenbank in Innsbruck sei die drittgrößte der Welt. Üblicherweise führe mehr als jede dritte Überprüfung zu einem Treffer.
Polizei über Perfektion von Priklopil "erstaunt"
Schon Monate vor der eigentlichen Tat hätte Priklopil mit den Vorbereitungen für Entführung begonnen, schreibt der "Kurier". Bereits ein Jahr vor dem Kidnapping habe er den weißen Bus gekauft und mit umfangreichen Aushubarbeiten für das Kellerverlies begonnen. Er soll sogar über die Fertigstellung des umfangreich gesicherten Bunkers ein eigenes Fotoalbum angelegt haben. Nachbarn hätten ihn gesehen, als er Schutt fortschaffte, so der "Kurier". "Ohne Nataschas exakte Angaben hätten wir das Verlies niemals gefunden, nicht einmal bei einer Hausdurchsuchung. Wir wären in der Garage gestanden, vielleicht maximal noch in der Montagegrube", zitierte der "Kurier" einen Ermittler.
(apa/red)
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