Sonntag, 20. August 2006

Flüchtlingsdramen vor Lampedusa: Bis zu 70 Tote nach Bootsunglücken befürchtet

  • Schlauchboot gesunken - Nur wenige Überlebende
  • Flüchtlingsströme auch in Spanien und Griechenland

Immer neue Flüchtlingstragödien im Mittelmeer: Bei zwei Unglücken vor der süditalienischen Insel Lampedusa sind vermutlich bis zu 70 Menschen ums Leben gekommen. Am Sonntag überschlug sich 60 Seemeilen vor der Insel ein Schlauchboot mit 30 Insassen, die Medienangaben zufolge aus Eritrea stammen. Ein Fischerboot entdeckte zehn Überlebende, die sich an einen Holzbalken klammerten. Auf der Suche nach den 20 anderen Flüchtlingen entdeckten Retter mehrere leblos in der See treibende Körper. Bereits in der Nacht zum Samstag hatte ein gekentertes Boot vermutlich 50 Menschen in den Tod gerissen.

Zehn Tote konnten geborgen werden, während weitere 40 Einwanderer in den Fluten versanken - darunter mindestens zehn Minderjährige. Die Zeitung "La Repubblica" sprach von einem "Massaker an Kindern". Unterdessen wurde die Suche nach den Vermissten am Sonntag mit Schiffen, Hubschraubern und Flugzeugen fortgesetzt. Weitere 70 Insassen des zehn Meter langen Bootes waren in der Nacht zum Samstag von einem Schiff der italienischen Marine gerettet worden.

Es kursierten unterschiedliche Versionen zu den Gründen des Unglücks. Eventuell habe das Schiff das Boot bei dem Rettungsversuch gerammt und so zum Sinken gebracht, zitierten Medien eine Augenzeugin. Die Staatsanwaltschaft von Agrigent leitete Ermittlungen ein. Ein anderer Flüchtling erzählte hingegen, die verzweifelten Immigranten, die größtenteils aus Nordafrika, Somalia und Eritrea stammen, seien beim Anblick des Militärschiffes alle auf eine Seite des Bootes gerannt und hätten es zum Kentern gebracht.

Auch auf den Kanarischen Inseln nimmt der Zustrom von afrikanischen Bootsflüchtlingen weiter zu. Wie die spanischen Behörden mitteilten, gelangten am Wochenende binnen 48 Stunden über 1000 illegale Zuwanderer von der Küste Westafrikas auf die Inselgruppe, mehr als im gesamten Monat August des Vorjahres. Seit Jahresanfang erreichten über 17.000 Afrikaner mit Booten die Kanarischen Inseln, drei Mal so viele wie im Jahr 2005 insgesamt.

In Griechenland entdeckte die Küstenwache 18 illegale Einwanderer vor der Insel Lesbos. Die aus verschiedenen Staaten des Nahen Ostens stammenden Flüchtlinge waren auf einem Boot von der gegenüberliegenden türkischen Küste gestartet. Wie sie griechischen Medien sagten, hätten sie 500 Euro an Schleuser für die Überfahrt gezahlt. Von den Schleusern fehlte jede Spur. Bereits am Samstag hatten 42 Illegale von der Türkei aus auf verschiedene Inseln der Ägäis übergesetzt.

Nach den Tragödien vor Lampedusa wurden fünf mutmaßliche Schlepper festgenommen. Der italienische Innenminister Giuliano Amato rief zu einem verstärkten Kampf gegen die Schlepperbanden auf. Seit Wochen stehe er zudem in engem Kontakt zu den libyschen Behörden, um Lösungen für das Flüchtlingsproblem zu finden und Patrouillen vor der Küste des nordafrikanischen Landes einzurichten.

(apa/red)

20.8.2006 18:28