Trotz heftiger Kritik: Nobelpreisträger
Grass steht zu seinem langen Schweigen!
- "Späteres Leben war von Scham gekennzeichnet"
- Kam Autor Enthüllungen aus den Stasi-Akten zuvor?
·Günter Grass darf Nobelpreis behalten
Vergabe nach Waffen-SS- Geständnis noch gültig
·Günter Grass war Mitglied der Waffen-SS
Literaturnobelpreisträger gibt Beteiligung zu
Der Schriftsteller Günter Grass hat das jahrzehntelange Verschweigen seiner Mitgliedschaft bei der Waffen-SS erneut damit begründet, er sei aus Scham vorher nicht in der Lage gewesen, darüber zu sprechen. Trotz aller Kritik an seinem späten Bekenntnis müsse er nun dazu stehen, "und ich werde mir sicher noch lange diese Vorwürfe anhören können", sagte der Literatur-Nobelpreisträger in der ARD.
Der 78-Jährige verwies ansonsten auf seine Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel": "In diesem Buch, da ist es Thema, ich habe drei Jahre daran gearbeitet, und da steht alles, was ich zu der Sache zu sagen habe. Wer richten will, mag richten." Auf die Frage, warum er so lange geschwiegen habe, erklärte der 78-Jährige: "Ich hab es nicht getan, und dazu muss ich stehen."
Keine Aberkennung des Nobelpreises
Grass spätes Bekenntnis wird seit Tagen in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Die von manchen Kritikern geforderte Aberkennung des Nobelpreises hatte die schwedische Nobelstiftung jedoch ausgeschlossen.
Die Kritiker werfen Grass unter anderem vor, er hätte seine Waffen-SS-Mitgliedschaft schon viel früher öffentlich machen müssen, er sei des Nobelpreises nicht mehr würdig oder habe mit seinem Schweigen selbst seine moralische Integrität untergraben. Dazu sagte Grass: "Was ich jetzt zur Zeit erlebe, dass hat - von einigen Leuten jedenfalls - mit sehr viel Selbstsicherheit zu tun und führt zu einem Aburteilen, ja, als sollte ich zu einer Unperson gemacht werden und all das im Nachhinein in Frage stellen, was mein späteres Leben ausgemacht hat. Und dieses spätere Leben war unter anderem von dieser Scham gezeichnet."
Unter anderem der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte das späte Bekenntnis von Literatur-Nobelpreisträgers scharf kritisiert. Grass sei stets als strenger moralischer Mahner aufgetreten, sagte die Präsidentin des Zentralrates, Charlotte Knobloch, der "Bild"-Zeitung. "Sein langjähriges Schweigen über die eigene SS-Vergangenheit führt nun seine früheren Reden ad absurdum." Ein Vertreter der in Polen regierenden nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) kündigte eine Initiative zur Aberkennung der Ehrenbürgerschaft des deutschen Autors in seiner Heimatstadt Danzig an. Ähnlich hatte sich Ex-Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa geäußert.
Vermerk in US-Akten?
Unterdessen wurde bekannt, dass Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS offenbar schon früher einmal, als US-amerikanischer Kriegsgefangener, eingeräumt hat. Wie die Online-Ausgabe des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" berichtete, sollen mehrere bisher unbekannte Dokumente der US-Militärbehörden belegen, dass der spätere Nobelpreisträger sich unmittelbar nach Kriegsende bei den Amerikanern zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekannte. Ein entsprechendes Formular trage Grass' Unterschrift, "es gibt aber kein protokolliertes Geständnis", sagte "Spiegel"-Autor Klaus Wiegrefe.
Kam Autor Enthüllungen aus Stasi-Akten zuvor?
Nach Informationen des "Kölner Stadt-Anzeigers" gibt es auch im "NS-Archiv" des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR Quellen, in denen die Mitgliedschaft des Autors in der Waffen-SS dokumentiert sein soll. Die Zeitung berichtete ohne Nennung von Quellen, Grass sei mit dem Bekenntnis einer drohenden Veröffentlichung dieser Fakten durch Historiker zuvorgekommen. Bis spätestens Ende März 2007 sollen demnach alle Unterlagen des Archivs komplett erschlossen sein, das ursprünglich aus mehr als 800.000 Einzelakten bestand.
Ähnliche Vermutungen äußerte der Politologe Rolf Köpcke, der in seiner Doktorarbeit auf Stasi-Versuche zur Einflussnahme auf Grass eingegangen war. Grass habe ihm 2001 die Herausgabe seines Stasi-Akts für die Doktorarbeit verweigert, sagte Köpcke der "Leipziger Volkszeitung. "Ob die Stasi von der Waffen-SS-Sache wusste, ist offen." Aber Grass sei in Dresden einberufen worden und "musste zumindest fürchten, dass Unterlagen darüber später bei Mielkes Leuten gelandet waren", sagte Köpcke weiter. "Ich kann mir diese Sorge als eine sehr gute Erklärung für seine Weigerung zur Aktenherausgabe vorstellen."
Grass hatte am Wochenende erklärt, er habe sich im Alter von 15 Jahren als Hitlerjunge freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet, sei mit 17 einberufen worden und vom Arbeitsdienst zur Division "Frundsberg" gekommen, die zur Waffen-SS gehört. "So ging es Vielen meines Jahrgangs: Wir waren im Arbeitsdienst, und auf einmal, ein Jahr später, lag der Einberufungsbefehl auf dem Tisch. Grass erhielt 1999 den Literaturnobelpreis. Sein Roman "Die Blechtrommel" von 1959 machte ihn weltberühmt. (apa)
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