Gehrer hält PISA für "stark überbewertet":
"Wir müssen nicht an der Spitze liegen"
- Schulkonzepte der SPÖ "bildungspolitischer Horror"
- Festhalten an differenzierten Schulsystem
·"Bildungspolitische Totalversagerin"
SPÖ-Schaunig schießt scharf gegen Gehrer
·Ausbau ganztägiger Schulen erwünscht
Nachhilfe eindämmen:
AK sucht nach Ausweg
Das im Dezember 2007 erwartete Ergebnis der neuen PISA-Studie macht Bildungsministerin Elisabeth Gehrer keine Sorgen. Sie hält die PISA-Studie für "in Österreich stark überbewertet". Das sei eine Wissensabfrage in verschiedenen Fachbereichen, eine gewisse Positionsfeststellung, "wir müssen nicht an der Spitze liegen", sagte Gehrer im Gespräch mit der APA. Wenn sie aber die Programme der SPÖ und der Grünen lese, "dann legen die auf PISA überhaupt keinen Wert, weil dort Leistung keinen Stellenwert hat". Wenn jeder mit Nicht Genügend aufsteigen könne, sitze er irgendwann in einer getesteten Klasse und erbringe keine Leistung.
Auch sonst übt Gehrer Kritik an der Opposition. So ist für sie das SPÖ-Modell einer modularen Oberstufe für alle zur Matura führenden Schulen "bildungspolitischer Horror". "Wenn ich in vier Jahren noch hier sitze, will ich sagen, dass es die guten Gymnasien, HTL und HAK noch gibt und nicht zu Gunsten eines diffusen Modulsystems aufgelöst wurden", so die Ministerin. Sonst ist sie aber "für alle Organisationsempfehlungen sehr zugänglich". Es ist ihr "egal, ob Hauptschulen und AHS-Unterstufe unter einem Dach sind", wichtig sei aber eine Form der "äußeren Differenzierung", z.B. Leistungsgruppen.
Für sie steht eine "individuelle Förderung im Vordergrund, Garant dafür ist das differenzierte Schulwesen". Für falsch hält sie zu sagen, dass man in der Gesamtschule mehr Leistung erreiche. Die verschiedenen in der Vergangenheit geäußerten Vorschläge wie fünf- oder sechsjährige Volksschule, verpflichtendes Vorschuljahr, Vorverlegung der Schulpflicht, Polytechnische Schule als erstes Berufsschuljahr oder eine Verlängerung der Schulpflicht von neun auf zwölf Jahre sind für Gehrer vorstellbar.
"Sicher zu diskutieren" ist für sie auch eine Zentralmatura, eine Abschaffung der Reifeprüfung komme aber nicht in Frage. All diese Fragen prüfen und Empfehlungen vorlegen soll in der nächsten Legislaturperiode die von der Ministerin schon länger angekündigte Organisationsreform-Gruppe sowie das in Aufbau befindliche Bundesinstitut für Bildungsforschung.
In der nächsten Legislaturperiode sind für Gehrer "Weiterentwicklungen" der bisher gesetzten Maßnahmen notwendig. U.a. nennt sie hier eine "weitere Steigerung der Qualität an den Schulen". Dazu gehört für die Ministerin der Richtwert von 25 Schülern pro Klasse in Volks- und Hauptschulen. Gehrer setzt dabei auf die Autonomie der Schulen: Sie sollen Klassen selbst zusammenstellen und Teilungsziffern für verschiedene Fächer festlegen können. Das bedeutet keine absoluten Höchstgrenzen, sondern die Schule soll selbst entscheiden, ob sie z.B. "eine Klasse mit 26 oder 27 Schülern beibehält und nur in einzelnen Fächern teilt."
Klar sei, dass dies einen zusätzlichen Lehreraufwand bedeutet. Dieser müsse mit den Ländern im Rahmen des nächsten Finanzausgleichs, der ab 2008 läuft, vereinbart werden. Die Kosten dafür bezifferte Gehrer mit "jedenfalls mehreren Millionen Euro".
Auch in den nächsten vier Jahren will Gehrer ihrem Grundsatz treu bleiben, dass "Leistung noch ihren Stellenwert hat". Sie ist stolz, dass die Zahl der Repetenten in den vergangenen zehn Jahren durch Maßnahmen wie das Frühwarnsystem um ein Viertel gesunken sei. Die Vorstellung der SPÖ, privat zu zahlende Nachhilfe durch schulische Angebote überflüssig zu machen, hält sie aber für "sehr utopisch" und reiht sie in die Kategorie "plakative Forderung im Wahlkampf". Gewisse Arbeiten seien immer daheim zu erledigen gewesen.
Dass die SPÖ der Kanzler-Partei auf Wahlplakaten vorwirft, Schulgeld kassieren zu wollen, weist Gehrer entrüstet von sich. "Solange die ÖVP in der Regierung ist, gibt es kein Schulgeld. Sonst hätten wir das nicht in der Verfassung verankert."
Befragt, mit welcher Partei sich nach der Wahl am ehesten ihr Programm umsetzen lasse, sagte Gehrer: "Mit der ÖVP."
Rot und Grün kritisieren "Herunterspielen" der Pisa-Studie
Die Bildungssprecher von SPÖ und Grünen haben die Aussage von Gehrer scharf kritisiert. Erwin Niederweiser bezeichnete dieses "Herunterspielen" als inakzeptabel. Dieter Brosz meinte, mit der Abwertung der PISA-Studie versuche Gehrer, "ihr Versagen in der Schulpolitik zuzudecken".
"Im Gegensatz zur Bildungsministerin möchte die SPÖ ein österreichisches Schulsystem, das zu den besten der Welt gehört", so Niederwieser. Das SPÖ-Bildungsprogramm habe die Konsequenzen aus PISA gezogen und weise viele Parallelen zum Endbericht der renommierten, von Gehrer selbst eingesetzten Zukunftskommission auf. Von Gehrer hingegen könnten sich Österreichs Schüler, Eltern und Lehrer bildungspolitisch nichts mehr erwarten - das bestätige auch das heutige Interview der Ministerin mit der APA. "Gehrer hat überhaupt keine Ziele mehr und agiert nach dem Motto 'weiterwurschteln wie bisher'", kritisierte Niederwieser.
Brosz betonte, in ganz Europa werde die PISA-Studie gelobt, "weil erstmals nicht Fachwissen, sondern zusammenhängendes, anwendungsorientiertes Denken im Mittelpunkt stand. Wer die PISA-Fragen liest, wird oft nicht einmal sagen können, in welchem Gegenstand das notwendige Wissen erworben wurde, um sie zu beantworten. Mit Auswendiglernen kommt man bei PISA nicht weit. Im Gegensatz dazu beurteilen Zeugnisnoten in Österreich immer noch vor allem Fachwissen."
(apa)
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