Donnerstag, 17. August 2006

In Mehrzahl der EU-Länder abgeschafft: AK hält das Sitzenbleiben für "Auslaufmodell"

  • Nachzipf kostet Staat und Familien 600 Mio. € im Jahr
  • Aufsteigen mit einem Fleck gefordert. PLUS: Umfrage

Für ein "Auslaufmodell" hält die Arbeiterkammer das Sitzenbleiben in der Schule. In Europa würden in der überwiegenden Mehrzahl der Länder Kinder mit nur einem oder zwei "Nicht Genügend" aufsteigen können. Demgegenüber müssten in Österreich derzeit rund 33.000 Schüler einem Nachzipf im Herbst entgegenzittern, kritisierte die stellvertretende Wiener AK-Direktorin Johanna Ettl in einer Aussendung. Die ÖVP hält die Forderung der AK, auch mit einem "Fleck" aufsteigen zu dürfen, für "realitätsfremd".

Die AK fordert daher das automatische Aufsteigen mit einem "Nicht Genügend" bis zur achten Schulstufe samt individuellem Förderkonzept sowie ein Mitspracherecht für die Eltern bei zwei "Nicht Genügend" über die Klassenwiederholung. In der Oberstufe soll es statt Sitzenbleiben ein Kurssystem geben.

Die AK schätzt die Zahl der Sitzenbleiber in Österreich auf rund 35.000 - die Hälfte davon hat mehr als zwei "Nicht Genügend" im Zeugnis und darf damit erst gar nicht zu einer Nachprüfung antreten, die andere Hälfte schafft die Wiederholungsprüfung nicht. Die Kosten des Repetierens seien "enorm": Den Staat koste dieses System zusätzlich etwa 300 Millionen Euro für Schulplatz, Familienbeihilfe, Schulbücher und Schülerfreifahrt. Dazu kämen die Aufwendungen der Familien wie zusätzliche Unterhaltskosten und Verdienstentgang. In Summe mache dies rund 600 Millionen Euro jährlich aus.

VP: Vorschlag "realitätsfremd"
Der oberösterreichische Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer (V) weist die Forderungen der AK strikt zurück: "Dass Schüler unabhängig von der Leistung automatisch aufsteigen können sollen, ist realitätsfremd, denn Leistung zählt auch im späteren Leben", so Enzenhofer.

In der Schule sei es wie beim Sport: "Wer das leichtere Trainingsniveau nicht erreicht, der kann nicht in der nächst schwereren Stufe weitermachen, denn das würde zu einer Überforderung führen", so Enzenhofer. Laut einer vom Bildungsministerium in Auftrag gegebenen Fessel-GfK-Umfrage vom Mai unter 500 Personen halten die Österreicher Aufsteigen mit mehreren Fünfern nicht für prioritär: Nur 17 Prozent bezeichneten die Forderung als "sehr wichtig" oder "wichtig", 82 Prozent bezeichneten dies als "nicht so wichtig".

Unterstützung für die AK kommt dagegen von der SPÖ: Bildungssprecher Erwin Niederwieser bezeichnete das Sitzenbleiben in einer Aussendung als "pädagogisch verstaubt". Das Wiederholen einer Klasse führe bei der Hälfte der Kinder dazu, dass sie nach dem darauf folgenden Unterrichtsjahr mit der Schule überhaupt aufhören. Die SPÖ setzt stattdessen auf eine "viel stärkere Förderung der Kinder". Die Leistungsbeurteilung solle in alternativer - etwa verbaler - Form erfolgen, und in der Oberstufe sollen mit einem modularen Kurssystem inhaltliche Schwerpunkte gesetzt werden.

(apa/red)

17.8.2006 16:08