Freitag, 18. August 2006

Die Engel aus dem Osten: Ausländische Heimhilfen - ein NEWS-Lokalaugenschein!

  • So liebevoll kümmern sie sich um Alte & Bedürftige
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Ausländische Heimhilfen - NEWS auf Lokalaugenschein: So liebevoll kümmern sie sich um unsere Alten und Bedürftigen. Politaufreger. Sie arbeiten illegal und werden verfolgt: Doch ohne diese 40.000 PflegerInnen würde das System kollabieren.

Langsam führt Danka den silbernen Kaffeelöffel an Norberts Lippen. Seit 23 Minuten wiederholt sie die immer gleiche Bewegung: Sie taucht den Löffel in einen transparenten Plastikbecher, der mit einer dickflüssigen Mischung aus Tee und Himbeersirup gefüllt ist. Sie streckt ihren Arm über dem vergitterten Krankenbett aus und wartet, bis Norbert seinen Mund öffnet. Dann lässt sie ihn geduldig kauen ... sieben-, acht-, zehnmal, während der Rest seines Körpers starr unter der Bettdecke ruht. Manchmal gelingt das Schlucken nicht ganz so gut, und ein Teil des Tees tritt über Norberts Mundwinkel die Rückreise an. Doch Danka schimpft nicht. Mit einem kleinen Handtuch wischt sie Norberts Kinn ab und streicht ihm sanft über die linke Wange. "Heute er hat guten Appetit", stellt die aparte Endvierzigerin mit dem slowakischen Akzent fest. Im Hintergrund läuft Radio Wien. Herta S., die Ehefrau des 66-jährigen Norbert, beobachtet die Szene mit resignierender Traurigkeit: "Nachdem mein Gatte vor zweieinhalb Jahren einen doppelseitigen Schlaganfall gehabt hat, wurde er wieder zum Kleinkind. Er muss gewickelt, gefüttert und gewaschen werden. Ich allein schaffe das mit meinen kaputten Bandscheiben nicht mehr. Darum bin ich ja so froh, dass Danka jetzt rund um die Uhr bei uns im Haus ist."

40.000 illegale Engel
Die slowakische Krankenpflegerin weiß, dass sie illegal bei der Wiener Familie arbeitet. Doch in ihrem Heimatort liegt die Arbeitslosenrate bei 30 Prozent, auch sie selbst verlor vor Jahren ihren Job in einer Baufirma. Die Strafanzeigen, die es in den letzten Wochen erstmals wegen Pflegerinnen wie ihr gegeben hat, machen der Mutter zweier studierender Kinder zunehmend Angst: "Mittlerweile traue ich mich in Wien nicht mehr Slowakisch sprechen. Ich komme mir schon vor wie eine Kriminelle, dabei helfe ich den Menschen doch."

Danka ist kein Einzelfall. Geschätzte 20.000 österreichische Familien mit Pflegefällen können nur noch aufgrund des Pflegeangebots aus dem Ausland ein geregeltes Leben führen. Nachdem sich die meist aus der Slowakei oder Tschechien stammenden Heimhilfen in der Regel alle zwei Wochen abwechseln, schätzen Experten ihre Zahl auf mindestens 40.000. Der Grund für den nicht ganz neuen Boom: Mit Tageshonoraren zwischen 40 und 50 Euro sind sie auch für Familien mit mittlerem Einkommen leistbar. Kostet eine 24-Stunden-Betreuung durch Helfer aus dem Osten um die 1.500 Euro im Monat, käme dieselbe Leistung bei einer heimischen Organisation auf 5.000 Euro oder mehr. So erklärt sich auch, dass bereits jetzt annähernd gleich viele illegale Heimhilfen wie diplomierte heimische Krankenpfleger in Österreich arbeiten. Und: 80 Prozent der Pensionisten wollen ihren Lebensabend nicht im Altenheim, sondern zuhause verbringen. Auch deshalb fordern die großen Hilfsorganisationen wie Caritas, Rotes Kreuz und Hilfswerk ein rasches Handeln der Politik, um rechtliche Rahmenbedingungen für die unverzichtbaren ausländischen Pfleger zu schaffen. "Wir stehen auf der Seite der Betroffenen und verwehren uns gegen eine Kriminalisierung", sagt Othmar Karas, Präsident des Österreichischen Hilfswerks.

Schock nach Anzeigen
Dennoch kam es in den vergangenen Wochen zu mehreren Anzeigen wegen illegaler Ausländerbeschäftigung. Eine davon erreichte auch Wolfgang Glänzel aus Wienerbruck in Niederösterreich, dessen 91-jährige Mutter Christine Glänzel bis vor kurzem von zwei Slowakinnen gepflegt worden ist. "Vor zwei Jahren habe ich mich beim Hilfswerk nach einer Heimhilfe für meine Mutti erkundigt, die konnten allerdings keine 24 Stunden-Betreuung anbieten. Anfangs kam dann jemand dreimal täglich ins Haus, um nach ihr zu sehen. Aber nachdem sie einmal aus dem Sessel gefallen und erst Stunden später von der Schwester gefunden worden ist, war klar, dass sie nicht mehr allein bleiben kann", erzählt Glänzel. Also hat er sich an den in Bratislava ansässigen Verein "Altern in Würde" gewandt und zwei slowakische Heimhelferinnen vermittelt bekommen, die sich abwechselnd um seine Mutter kümmerten. Und zwar vermeintlich legal auf Basis eines Werkvertrags.

Strafe statt Hilfe
Bis 12. Mai funktionierte alles klaglos, Christine Glänzel war nach mehreren Schlaganfällen froh, ihren Lebensabend zuhause verbringen zu können. Doch dann zerbrach das Glück. Fahnder der KIAB (Kontrolle illegaler Arbeitnehmerbeschäftigung) klopften an die Tür und verhörten die Pflegerin Judita L., 41, mehrere Stunden lang. Zwei Wochen später erhielt Wolfgang Glänzel einen Strafantrag mit dem Vorwurf, zwei Heimhelferinnen illegal beschäftigt zu haben. Beantragte Gesamtstrafe: 6.000 Euro. Über das endgültige Strafausmaß soll nun im Rahmen einer Verhandlung im September entschieden werden. Bereits jetzt bestraft ist Christine Glänzel. "Wer hat mir das angetan?", fragt die 91-Jährige. Denn die Heimhelferinnen mussten in die Slowakei zurückkehren, und Christine Glänzel lebt jetzt in einem Altenheim in Mariazell. "Wer hat mir das angetan?", fragt die Frau wieder. Wer ignoriert den Wunsch, die letzten Jahre ihres Lebens in gewohnter Umgebung zu verbringen?

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18.8.2006 16:54