Zwischenfälle in europäischen AKW sorgen für Aufregung: Aufschrei unter Atomgegnern
- Entwarnung: Supergau in Forsmark drohte nicht
- Temelin: Wasser ausgetreten - nur geringe Gefahr
·Wieder schwerer Störfall in Temelin
Radioaktives Wasser aus Kraftwerk ausgetreten
·Schwerer Störfall in schwedischem AKW!
Ernsthafte Gefahr: 4 der 10 Kraftwerke stehen still
Für Aufregung haben jene beiden Zwischenfälle gesorgt, die sich in den vergangenen Tagen im tschechischen Atomkraftwerk Temelin und in der schwedischen Anlage Forsmark ereignet haben. Dabei widersprachen Experten in Skandinavien den Aussagen eines ehemaligen Forsmark-Ingenieurs, der es einen reinen Zufall genannt hatte, dass es in dem schwedischen AKW nicht zu einer Kernschmelze gekommen sei. Dies sei eine Dramatisierung der Sachlage, sagte Juhani Hyvärinen, Leiter der Abteilung für Atomkraftwerkstechnologie bei der finnischen Strahlensicherheitsbehörde STUK.
Hyvärinen verwies allerdings darauf, dass der Vorfall dennoch ernst zu nehmen sei und es sich "keinesfalls um eine alltäglichen Zwischenfall" gehandelt habe. Falls bei diesem Kraftwerkstyp tatsächlich alle vier Reserve-Generatoren ausfallen würden und das Kraftwerkspersonal diese nicht innerhalb einer halben Stunde manuell starten, werde die Temperatur im Reaktorkern zu hoch und innerhalb von eineinhalb bis zwei Stunden beginne der Kern zu schmelzen.
Bei dem Störfall Forsmark starteten zwei der vier Dieselgeneratoren für die Notstromversorgung des Reaktors nach einem Kurzschluss in einer Schaltanlage überraschend nicht. Dem Kraftwerkspersonal gelang es jedoch laut einem Bericht der AKW-Leitung an die schwedische Strahlensicherheit, auch diese beiden nach 22 Minuten manuell zu starten. Hyvärinen zufolge hätten aber auch die beiden fehlerfrei und automatisch gestarteten Generatoren ausreichend Strom produziert, um den Reaktor voll unter Kontrolle zu halten.
Unklar ist derzeit, warum in Forsmark nach dem Ausfall der beiden Dieselgeneratoren auch mehrere Pumpen für das Kühlwasser im Reaktortank zeitweise nicht funktionierten. Die Kraftwerksleitung kündigte an, auch das Steuersystem der Hauptpumpen einer eingehenden Überprüfung unterziehen zu wollen.
Der Betrieb mit nur zwei Generatoren hätte ausgereicht, bestätigte auch Univ. Prof. Dr. Helmuth Böck vom Atominstitut der Österreichischen Universitäten (ATI). Bei einem Atomkraftwerk sei alles "überdimensioniert" und die zwei Dieselgeräte dienen als "Sicherheitsreserve", sagte der Wissenschafter zur APA. Der Vorfall in Schweden liege auf Stufe zwei der INES-Skala, berichtete Böck. Die Ereignisse mussten daher der Sicherheitsbehörde gemeldet und die Ursache untersucht werden.
Nur geringe Gefahr in Temelin
Bei dem Vorfall in Temelin am 2. August sei in einem hermetisch abgeschlossenen Raum Wasser aus einem nicht ganz geschlossenen Handventil ausgetreten, erklärte Böck. Auf der siebenstelligen Skala der International Nuclear Event Scale (INES) würde der Vorfall etwa auf Stufe Null bis Eins gewertet werden. Von dem betroffenen Bereich sei die Flüssigkeit über ein Ablaufsystem in einem speziellen Gefäß aufgefangen worden. Mitarbeiter oder die Umwelt seien davon also nicht betroffen. Der zweite Block Temelins läuft unterdessen wieder mit fast voller Kraft, der erste ist wegen des Tauschs eines Teils von Brenstäben seit längerem planmäßig abgeschaltet.
Aufschrei von Atomgegnern
Die Störfälle lösten zahlreiche politische Reaktionen aus: SPÖ-Umweltsprecher Jan Krainer forderte eine entsprechende Reaktion der Regierung und von Umweltminister Josef Pröll zu den Störfällen. Auch eine europaweite Absitmmung über Atomkraft wäre höchst an der Zeit. Der weitere Betrieb der Anlage solle "ernsthaft überdacht" werden, erklärte Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer. Umweltlandesrat Rudi Anschober forderte die Bundesregierung auf, aktiv zu werden. Der freiheitliche Klubobmann Günther Steinkellner will den "Gefahrenmeiler" schließen, "bevor es zu spät ist". Der Salzburger FPÖ-Landesparteiobmann Karl Schnell forderte, dass die Landesregierung jetzt endlich eine Klage gegen Tschechien beim Internationalen Gerichtshofs von der Bundesregierung einfordern müsse.
In Schweden forderten Linksparteien den Ausstieg aus der Atomenergie. Die Umweltorganisation Greenpeace verlangte in einer Aussendung "die sofortige Überprüfung aller 443 AKW weltweit sowie die sofortige Schließung jener Reaktoren, die den gleichen Konstruktionsfehler aufweisen wie das ostschwedische AKW Forsmark". (APA/red)
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