Dienstag, 1. August 2006

Kubas Staatschef Fidel Castro im Spital: Bruder übernimmt vorübergehend Ämter

  • Raul Castro wäre verfassungsmäßiger Nachfolger
  • Feierlichkeiten zu Castros 80. Geburtstag verschoben

Der kubanische Staatschef Fidel Castro hat wegen einer schweren Erkrankung erstmals seit fast einem halben Jahrhundert die Macht vorübergehend abgeben müssen. In einer von seinem Sekretär verlesenen Erklärung gab der bald 80-Jährige bekannt, dass er wegen eines akuten Darmleidens operiert werden musste. Davon werde er sich mehrere Wochen erholen müssen. Vorübergehend werde daher sein 75-jähriger Bruder, Verteidigungsminister Raul Castro, die Amtsgeschäfte übernehmen. Die Nachricht von der Erkrankung des seit 47 Jahren regierenden kommunistischen Staatschefs und einstigen Revolutionärs sorgte weltweit für Aufsehen.

Da er Tag und Nacht arbeite und enormem Stress ausgesetzt sei, sei seine Gesundheit zerrüttet, hieß es in der Erklärung Castros, die von seinem Privatsekretär Carlos Manuel Valenciaga im staatlichen Hörfunk und Fernsehen verlesen wurde. Dies habe eine akute Darmerkrankung mit Darmblutungen zur Folge gehabt. "Also war ich gezwungen, mich einer schwierigen chirurgischen Operation zu unterziehen", hieß es weiter. Sein Bruder Raul Castro werde nun vorübergehend die Ämter des Parteivorsitzenden, des Regierungschefs, des Staatsratsvorsitzenden und des Oberbefehlshabers der kubanischen Streitkräfte übernehmen.

Der "máximo lider", wie ihn seine Anhänger nennen, feiert am 13. August seinen 80. Geburtstag. In einem Guerillakrieg stürzte Castro 1959 gemeinsam mit Che Guevara den von den USA unterstützten Diktator Fulgencio Batista. Seither regiert er die Karibikinsel, zunächst als Ministerpräsident, seit 1976 als Staatsoberhaupt. In seine Amtszeit fallen zahlreiche historische Momente wie die die gescheiterte US-Invasion in der Schweinebucht in den 60er Jahren oder die Kuba-Krise. Die kubanische Führung steht heute vor allem wegen ihrer Menschenrechtspolitik in der Kritik; dutzende Regierungsgegner und Oppositionelle sind in Haft.

Exilkubaner in Miami versammelten sich spontan auf den Straßen und schwenkten kubanische Flaggen. Sie verliehen ihrer Hoffnung Ausdruck, dass die Ära Castro nun bald vorbei sein könnte, was ihnen die Chance auf eine Rückkehr böte. Hupende Autos fuhren umher, deren Insassen lautstark "Kuba! Kuba! Kuba!" riefen. Im südlichen Florida leben zehntausende Kubaner, die als Gegner des kommunistischen Systems in ihrem Heimatland in die USA geflohen sind. In der Altstadt von Havanna reagierten viele Menschen indessen tief betroffen auf die Nachricht über die Erkrankung Castros.

In Washington wurde die Nachricht von Castros Erkrankung zunächst mit Zurückhaltung aufgenommen. Die Situation werde beobachtet, sagte ein Sprecher des Weißen Hauses. "Wir arbeiten weiter auf den Tag von Kubas Befreiung hin."

Die eigentlich für den 13. August geplante Geburtstagsfeier verschob Castro gleich um mehrere Monate auf den 2. Dezember, den 50. Jahrestag seiner Landung in Kuba mit einer kleinen Rebellentruppe. Ob er an dem für Mitte September in Havanna geplanten Treffen der blockfreien Staaten teilnehmen werde, ließ Castro offen. Diesem Treffen werde von Seiten des kubanischen Staates die größte Aufmerksamkeit zuteil werden, hieß es in Castros Erklärung.

Als Gründe für seine Erkrankung nannte der 79-Jährige auch seine Teilnahme am Gipfeltreffen der südamerikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur vom 22. bis 24. Juli in Argentinien sowie eine sehr anstrengende mehrtägige Reise durch den Osten Kubas. Nach einem Sturz Castros im Oktober 2004 war bereits über den Gesundheitszustand des alternden Staatschefs spekuliert worden. Damals hatte er sich am rechten Arm und am linken Knie verletzt.

Nach der britischen Königin Elizabeth II. und dem thailändischen Monarchen Bhumibol Adulyadej ist er das dienstälteste Staatsoberhaupt der Welt. Castro hat nach eigener Aussage 600 Anschläge von Exil-Kubanern und des US-Geheimdienstes CIA überlebt. Er habe niemals erwartet, 80 Jahre alt zu werden, da die USA jeden Tag versuchten, ihn umzubringen, hatte Castro noch am 21. Juli auf dem Lateinamerika-Gipfel in Argentinien gesagt.

Venezuelas Staatschef Hugo Chavez, erklärter Freund und Verbündeter Castros, übermittelte dem Erkrankten seine Genesungswünsche. "Aus tiefstem Herzen hoffen wir, dass Präsident Fidel Castro bald genesen wird, um für immer mit uns zu sein", sagte der Linksnationalist, der sich derzeit in Vietnam befindet.
(APA/red)

1.8.2006 14:35