Dienstag, 1. August 2006

Umfrage des ÖGB bestätigt: Österreichs Gewerkschaft in schwerer Vertrauenskrise

  • ÖGB-Chef Hundstorfer stellt neues Logo & Slogan vor
  • Ziel: "Modernste Gewerkschaft Europas werden"

Der ÖGB hat sich nun offiziell bestätigen lassen, was seit Ausbruch der BAWAG-Krise ohnehin evident ist: Das Vertrauen der Bevölkerung in die Gewerkschaft ist schwer angeschlagen. Laut einer aktuellen Umfrage haben 47 Prozent wenig oder gar kein Vertrauen in den Gewerkschaftsbund. "Es ist keine Frage: Wir haben ein Glaubwürdigkeitsproblem", sagte ÖGB-Präsident Rudolf Hundstorfer bei einer Pressekonferenz. Abhilfe soll der Reformprozess schaffen - der steht zwar erst in den Startlöchern, einen Slogan und ein Logo hat man aber schon gefunden.

Für die Umfrage hat das ÖGB-eigene IFES-Institut Mitte Juli 1.000 Österreicher ab 15 aufgefordert, ihr Vertrauen in die Gewerkschaft mit Schulnoten zu bewerten - von Eins ("sehr großes Vertrauen") bis Fünf ("gar kein Vertrauen"). Ergebnis: 22 Prozent haben gar kein, 25 Prozent wenig Vertrauen. Nur fünf Prozent bekunden sehr großes Vertrauen in die Gewerkschaft. Durchschnittsnote: 3,47. Etwas besser die Stimmung bei den ÖGB-Mitgliedern: Hier beträgt der Durchschnitt 3,03. Wenig oder gar kein Vertrauen haben 32 Prozent, ebenso viele bewerten die Gewerkschaft mit Eins oder Zwei.

Für Hundstorfer ist der durchschnittliche Dreier "nichts positives", es brauche eine Erneuerung nach innen und außen. "Wir wollen eine der modernsten Gewerkschaftsbewegungen Europas werden", versicherte Hundstorfer. Ziel sind unter anderem eine "schlanke innere Verwaltung", ein niedrigeres Durchschnittsalter bei den Mitgliedern sowie flexibler Einsatz für atypisch Beschäftigte und Scheinselbstständige und nicht nur für jene Arbeitnehmer, "die Vollzeit im System sind".

Die für den Reformprozess eingerichteten sechs Arbeitsgruppen befinden sich allerdings erst in der Startphase - sie haben bei der Pressekonferenz mit Hundstorfer noch keine Ergebnisse, sondern vor allem Problemstellungen und Arbeitsprozesse geschildert. So ist die Gruppe "Kommunikation" auf der Suche nach Sparpotenzial bei den diversen Gewerkschafts-Zeitungen, die Steuerungsgruppe kümmert sich um die finanziellen Rahmenbedingungen, die Gruppe "Organisation" um die Werbung neuer Mitglieder und eine eigene Arbeitsgruppe soll sich mit dem Thema "neue Glaubwürdigkeit" befassen.

Als Slogan für die Gewerkschaftsreform hat sich der ÖGB "Frische Kraft. Neue Richtung" ausgedacht, als Logo ein Glas frisches Wasser. Dieses steht laut Hundstorfer für "Energie, Bewegung, Transparenz und Erneuerung". Anfang September will der ÖGB seine 1,3 Mio. Mitglieder zu ihren Reformvorstellungen befragen - etwa darüber, was sie von der Direktwahl der Gewerkschaftsspitze halten oder wie sie sich die Struktur des ÖGB vorstellen. Allerdings hat Hundstorfer die Direktwahl schon in der Vergangenheit abgelehnt, und dass an der Existenz der Teilgewerkschaften nicht gerüttelt werden soll, steht nach Angaben des ÖGB-Präsidenten ebenfalls fest.

Seine Vermögensbilanz will der ÖGB wie geplant Ende August vorlegen. Noch im Lauf des Monats plant Hundstorfer Betriebsbesuche - auch bei der Voest. Vom dortigen "Hausverbot" für Politiker im Wahlkampf will sich der SP-Politiker nicht abschrecken lassen: "Ich bin dort als Präsident des ÖGB und nicht als Repräsentant einer gesellschaftspolitischen Partei. Wenn der Betriebsrat mich einlädt, die Belegschaft mich einlädt, dann wird der Betrieb mich sehen."

Dass die ÖGB-Reform zu langsam vorankomme, weist Hundstorfer zurück: "Wenn wir die Wunderwutzis wären und alles schon in der Tasche hätten, dann bräuchten wir keine Mitgliederbefragung und keine interne Demokratisierung." Apropos: Auf die Frage, ab welcher Rücklaufquote die Ergebnisse der Mitgliederbefragung für den ÖGB verbindlich sein werden, blieb Hundstorfer vage. Er hofft bei 1,3 Mio. Gewerkschaftsmitgliedern auf einen Rücklauf von 250.000 Fragebögen.

(APA/red)

1.8.2006 14:52