Lorenz präsentiert Programm für ORF-Wahl: "Komplette Neuaufstellung" geplant
- "Mit ein paar Reparaturen kommt man da nicht aus"
- Will fünf Direktoren und ein Generalsekretär
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Eine "innere und äußere Kulturwende" für den ORF plant ORF-Programmplaner Wolfgang Lorenz im Falle seiner Bestellung bei der Generaldirektoren-Wahl am 17. August. Zum einen sollte sich die Politik aus den "inneren Angelegenheiten des ORF heraushalten" und "nicht selbst die Geschäftsführung übernehmen wollen", zum anderen "ist das wichtige Biotop Unternehmenskultur neu anzupflanzen", wie Lorenz in seinem Bewerbungskonzept, das der APA vorliegt, schreibt.
Die Anzahl der Direktionen will Lorenz - wie seine Kontrahentin Monika Lindner - auf fünf verringern. Die geplante Geschäftseinteilung: Informationsdirektion, Programmdirektion, Hörfunkdirektion, Kaufmännische Direktion, Technische Direktion. Die bisherige Online-Direktion soll demnach eine Stabstelle in der Generaldirektion werden, weil "Online und Neue Medien praktisch alle Unternehmens- und Programmbereiche des künftigen ORF betreffen, und daher einer zentralen Steuerung bedürfen".
Darüber hinaus will Lorenz den Posten des Generalsekretärs wieder einführen. Marketing, Öffentlichkeitsarbeit und Art Direktion sollen dafür zu einem Bereich verschmolzen werden. Nur eine "perfekte Teamarbeit" innerhalb einer Geschäftsführung bestimme dabei Zielsetzung, Arbeitsprozesse und deren Ergebnisse. "Wer heute noch glaubt, ein Unternehmen gegen die Mitarbeiter führen zu können, irrt", so Lorenz.
"ORF 1 und ORF 2 bedürfen einer kompletten Neuaufstellung"
Den ORF möchte der Programmplaner als "Leitmedium" positionieren. Änderungen plant er vor allem in der "Großbaustelle" Fernsehen: "ORF 1 und ORF 2 bedürfen einer kompletten Neuaufstellung, schematisch, inhaltlich und formal. Das Programm verharrt seit Jahren in einem obsoleten Status, festgefahren in eigenen Dogmen, erstarrt in Klischees, inhaltlich schwächelnd, formal ohne durchgängiges Design, fremdbestimmt durch gekaufte Dutzendware, zu wenige Originale bietend und vor allem: es unterwandert den öffentlich-rechtlichen Auftrag und verliert dennoch dramatisch bei den Jüngeren ohne die Älteren überproportional bei der Programmstange halten zu können. Die Gesamtquoten sinken schleichend, die Qualität der Gesamtperformance rapide."
Von einem "alarmierenden Imagedefekt" schreibt Lorenz in seinem Papier. "Mit ein paar Reparaturen wird man da nicht auskommen", so das Urteil des bürgerlichen Kandidaten. Ein neues Sendeschema soll den "Gesamtauftritt optimieren". So schweben dem 62-Jährigen "neue Senderprofile" vor, "die eine gesellschaftspolitisch bedenkliche Zumutung, ORF 1 sei jung, urban und dumm, ORF 2 erwachsener, rural und nicht ganz so dumm, auflösen. Zwei neue Profile, die nicht auseinanderschauen, sondern zusammen, um dem ORF insgesamt ein neues Gesicht der Wiedererkennbarkeit zu geben." Zeitzonen und Programmflächen seien entsprechend "neu zu definieren".
Dies soll freilich nicht an Ansprüchen und Notwendigkeiten der Werbung vorbei zielen, so Lorenz. "Der Vorabend und erste Hauptabend müssen populärer programmiert sein, als der zweite Haupt- und der Spätabend, alles andere wäre weltfremd und wirtschaftlich bedenklich."
"Königsdisziplin Information" stärken
Die "Königsdisziplin Information" will der ORF-Programmplaner Wolfang Lorenz stärken. Hier nimmt der Bewerber um den Posten des ORF-Generaldirektors offenbar Anleihen beim früheren ORF-Chef Gerd Bacher, der 1967 die erste "Informationsexplosion" im ORF herbei geführt hatte. Die gesamte Newsline über den Tag sei "neu zu denken, neu zu organisieren, neu zu strukturieren, neu zu disponieren", so Lorenz in seinem ORF-Konzept. Auf einen zentralen Chefredakteur würde er verzichten. Vorgesehen sind vielmehr zwei Hauptabteilungen: eine für News, eine für Magazine.
"Frische Information muss so rasch wie möglich raus." Änderungen seien unter anderem beim "Filetstück der TV-Information" der "Zeit im Bild 1" denkbar. Lorenz Vorschlag: "Man parkt die Hauptnachrichten in zwei Sendedecks. Zum Start 15 Minuten straffe News, dann Break, dann Wetter, dann Break, dann sozusagen die 'ZiB 1 plus' mit Reflexionen, Analysen, Kommentaren, Kurzreportagen inkl. Wissen, Kultur und Chronik." Die erste Stufe einer solchen neuen "ZiB" bliebe in jedem Fall durchgeschaltet. Ob der zweite Teil durch "Maxi-Sport und/oder durch verlängerte Seitenblicke" konkurrenziert wird, sei mit Fachleuten der TV-Information zu erarbeiten.
Neu aufstellen möchte er auch die "gesamte Magazinlandschaft" des ORF. "Frische Diskussionsformate" oder ein "Bürgerforum" nennt er als mögliche Programminnovationen. Mit der gegenwärtigen Diskussionskultur im ORF-Fernsehen geht Lorenz hart ins Gericht. "Peinlich" und "unverständlich" sei das Angebot, wenn man etwa an die Talk-Ikone "Club 2" denke. Auch das einstige "Edelformat politische Dokumentation" will Lorenz mit "verlässlichen" Sendeplätzen stärker positionieren.
Generalsanierung beim Sport
Eine "Generalsanierung" empfiehlt Lorenz auch beim täglichen "ZiB"-Sport sowie bei "Sport am Sonntag", wo er "Performance-Probleme allerorten" und "vieles im Minus" sieht. "Wir haben zwar die Champions League als teures Programmgut gewonnen, aber die Bundesliga bis auf peinliche Restzuckerwerte verloren. Eine Panne, demnächst der Reparatur dringend empfohlen." Kritik gibt es auch in Sachen Olympia- und Fußball-WM. "Die Berichterstattung über die Dopingaffäre schwächelte in offiziösen Glacehandschuhen dahin, kam jedenfalls nur schleppend ins Ziel öffentlicher Erwartung, von Themenführerschaft ganz zu schweigen ... Wenn bei der WM-Berichterstattung deutsche öffentlich-rechtliche Sender bis zu 400.000 österreichische Seher an idente Bilder binden, kann es ja wohl nur am Ton liegen, den ORF-Kommentatoren, sowie am gesamten Milieu der Übertragung, inklusive trister Studioatmosphäre."
Neue Spartenkanäle plant Lorenz vorerst nicht. "Primär" sei die "Konzentration auf die Optimierung und Neupositionierung" der bestehenden ORF-Programme und die Präsenz auf allen Plattformen. Besser sollte man Synergien mit schon jetzt bestehenden internationalen Partnern noch stärker nutzen, "als kontinuierlich erhebliche Mittel aus den Hauptprogrammen abzuzweigen", so Lorenz. "Zunächst muss die Pflicht gemacht werden, bevor man sich auf das dünne Eis der Kür begibt. Sollen die nobelsten Disziplinen öffentlich-rechtlichen Qualitätsfunks quasi ausgelagert werden, wie rechtfertigen sich dann zwei Vollprogramme", fragt er offenbar mit Blick auf Lindners Spartenkanal-Pläne. Sollte der ORF "in absehbarer Zeit überschüssige Mittel haben", sei das Kapitel Spartenkanäle allerdings "neu anzugehen".
Modifikationen schlägt Lorenz auch für ORF 2 Europe vor. Denkbar sei etwa ein neues Europa-Programm. Mit der EBU, der Organisation aller öffentlich-rechtlichen Sender Europas, und der EU könnte der ORF mit Unterstützung der Bundesregierung ein von Österreich ausgehendes gemeinsames Programm aller öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Europas, jedenfalls der 25 EU-Mitgliedsstaaten, konzipieren.
Die ORF-Landesstudios will Lorenz stärken und zu regionalen Medienhäusern machen. "Deutlich unattraktiver, möglicherweise der Anfang vom Ende" wäre der ORF "ohne regionale Palette". Denkbar seien hier auch joint ventures mit Zeitungsverlagen. Die Administration im gesamten ORF soll hingegen reduziert werden, damit mehr Geld für Programm zur Verfügung steht.
(apa/red)
