Sonntag, 30. Juli 2006

Lindner tritt bei ORF-Wahl an: Lindner plant Frühstücksfernsehen & neue Spartenkanäle

  • "Daily soaps", Spiele und Quizshows am Vorabend
  • Bei Wiederwahl fünf statt bisher sechs Direktoren

Mit fünf statt bisher sechs Direktoren geht ORF-Chefin Monika Lindner ins Rennen um die Wahl des ORF-Generaldirektors am 17. August. Lindners "Zuständigkeitsverteilung": Informationsdirektion, Programmdirektion, Hörfunkdirektion, Kaufmännische Direktion, Technische Direktion. Die bisherige Online-Direktion soll in die Hörfunkdirektion integriert werden.

In Sachen Programm plant die ORF-Chefin im Falle ihrer Wiederwahl die Einführung von Frühstücksfernsehen, konkret eine "Morgeninformationssendung in der Zeitzone 6.00 bis 9.00 Uhr". Bisher scheiterte ein solches Vorhaben an den Kosten. "Mit entsprechenden Umschichtungen im Budget und im Schema sollte diese Infoausweitung gelingen", schreibt Lindner im 25-seitigen Bewerbungskonzept.

Als möglichen Ort der Umsetzung gibt sie das "neue Stadtstudio im Parlament" an, "das für eine solche Morgeninformationssendung, insbesondere während der Parlamentssaison, zu Verfügung steht".

Neue Spartensender geplant
Im Zuge der Digitalisierung will Lindner neben dem Sportkanal auf TW 1 einen weiteren Spartensender für Bildung, Kultur und Wissenschaft on air bringen. "Ein solches Programm wäre zu vergleichen mit dem Radioprogramm Ö1 - werbefrei und unter optimaler ökonomischer Programmnutzung." Gemeinsam mit dem deutschen öffentlich-rechtlichen Kinderkanal von ARD und ZDF soll es darüber hinaus einen gemeinsamen Kinderkanal nach dem Vorbild von 3sat geben. Entsprechende Verhandlungen liefen bereits.

"Daily Soaps", Spiele, Quizshows, mehr Liveerlebnisse
Die Zielgruppenprogrammierung mit ORF 1 für junge und ORF 2 für ältere Seher will Lindner beibehalten. Insgesamt möchte sie aber mehr Eigenproduktionen auf ORF 1. Wenn sich die Einnahmensituation weiter so positiv entwickle, seien etwa im ORF 1-Vorabend "daily soaps", Spiele oder Quizshows denkbar. Darüber hinaus will die ORF-Chefin generell für mehr "Liveerlebnisse" sorgen. Als "eines der wichtigsten strategischen Ziele" nennt sie weiters den Erhalt der Lizenzen für große Sportereignisse wie Olympia, Ski-alpin und Fußball ("national oder international, also Champions League, Fubßall-WM und -EM").

Basis für all diese Maßnahmen soll eine Reform des Sendeschemas liefern. "Größere Flexibilität" sei hier gefordert: "Schluss mit 'Erbhöfen' und 'wohlerworbenen Programmplätzen'." Alle Sendungen, "die in die Jahre gekommen sind" (Programme, die über fünf bzw. zehn Jahre am Schirm sind), würden "nach weiterer Bestandsnotwendigkeit" überprüft. Dies gelte etwa für die vielen Magazine im ORF-Fernsehen. Programminnovationen und neue Formate müssten entwickelt werden.

Infragestellung der Landesstudios abgelehnt
Eine der "größten Herausforderung" sei zudem der Umstieg von analogem auf digitalen terrestrischen Empfang. Der Online-Bereich soll weiter ausgebaut werden, (Video-)On-Deman-Angebote sowie Podcasting müssten stärker genutzt werden. Eine Infragestellung der Landesstudios lehnt Lindner strikt ab. Vielmehr möchte sie den Anteil der Länderprogramme im Radio - insbesondere auf Ö1 - sowie im Fernsehen am nationalen Programm erhöhen. "Einen wichtigen Beitrag sollten die Landesstudios in diesem Zusammenhang für die geplante TV-Morgeninformation leisten." In Summe möchte Lindner der "evidenten Überalterung des ORF-Publikums" entgegen wirken.

Das Redakteursstatut als "Markenzeichen der Unabhängigkeit" will die bürgerliche Kandidatin "verfeinern". Hinzukommen sollen Standesvorschriften ("Verhalten von Redakteurinnen und Redakteuren gegenüber Politik, Wirtschaft und anderen Interessengruppen"), Verhalten gegenüber Kritik von außen ("Schaffung institutionalisierter Kritikmöglichkeiten und Definition unzulässiger Formen der Einflussnahme"), mehr personelle Mitwirkung bei der Besetzung von Leitungsfunktionen.

"Journalismus funktioniert nicht vorrangig nach dem Subordinationsprinzip. Weder ist redaktionelle Selbstverwaltung möglich, wenn Gesetze, Budgets etc. von einer verantwortlichen Geschäftsführung einzuhalten sind, noch sind oktroyierte Chefinnen und Chefs effizient", so Lindner, die mit diesen Passagen offenbar auf die jüngste Kritik der ORF-Evaluierungsgruppe sowie die Vorwürfe gegen ORF-Chefredakteur Werner Mück eingeht.

Verringerung des Personalstandes
In wirtschaftlichen Belangen will Lindner im Falle ihrer Wiederwahl die 2005 begonnenen Strukturbereinigungen fortsetzen. Organisatorische Optimierungen und die Konzentration auf das Kerngeschäft "sollten zu einer Verringerung des Personalstandes führen, wobei auf die soziale Verträglichkeit Rücksicht genommen werden muss".

(apa/red)

30.7.2006 18:05