Freitag, 28. Juli 2006

Hisbollah feuert neue Raketen gegen Israel:
Geschosse mit größerer Reichweite getestet

  • Offenbar Iran-Material eingesetzt: Niemand verletzt
  • Erstes Mal, dass Israel eine solche Rakete trifft

Südlich der israelischen Hafenstadt Haifa sind am Freitag Geschosse eines neuen Raketentyps der schiitischen Hisbollah-Miliz eingeschlagen, der 100 Kilogramm Sprengstoff enthält. Das meldete der israelische Fernsehsender Kanal 10. Unter Berufung auf Polizeikreise in Afula hieß es, es sei das erste Mal, dass Israel von einer Rakete dieses Kalibers getroffen worden sei.

Die Hisbollah hatte zuvor mitgeteilt, sie habe erstmals die Rakete mit der Bezeichnung Khaibar-1 auf Israel abgefeuert. Die Geschosse hätten den Ort Afula 50 Kilometer südlich der israelisch-libanesischen Grenze getroffen. Israelische Behördensprecher bestätigten den Einschlag von fünf Raketen in Feldern in der Umgebung Afulas. Es habe keine Verletzten gegeben.

Kanal 10 berichtete, es habe sich um eine iranische Boden-Boden-Raketen des Typs Zelzal-1 (Erdbeben) mit einer Reichweite von rund einhundert Kilometern gehandelt. Die von der Hisbollah angegebene Bezeichnung der Rakete, "Khaibar", ist der Name einer vom Propheten Mohammed im Jahr 628 eroberten Festung.

Der Angriff kam zwei Tage nach der Ankündigung von Hisbollah-Führer Scheich Hassan Nasrallah, im Kampf gegen Israel werde eine neue Phase mit Waffen eröffnet, die weiter als das bereits mehrfach getroffene Haifa fliegen können. Das Gebiet von Afula wurde bereits mehrfach angegriffen. Israelische Sicherheitskreise sagten, die Einschläge vom Freitag seien die bisher südlichsten gewesen.

Bisher benutzte die Schiitenmiliz Raketen mit geringerer Reichweite. Nach Angaben der israelischen Armee werden die Geschosse untersucht.

Massive Angriffe auf Hisbollah-Hochburg
Die israelische Luftwaffe flog wieder mehr als 60 Angriffe auf die Hisbollah-Hochburg Kilya-Dalafa in der Bekaa-Ebene, wie die libanesische Polizei mitteilte. Auf das Dorf Aitarun nahe der libanesisch-israelischen Grenze wurden rund 160 Granaten abgefeuert. In der Umgebung von Tyrus und Nabatiyeh flog die israelische Luftwaffe rund 20 Angriffe. Dutzende Wohngebäude wurden zerstört oder schwer beschädigt. Insgesamt gab es in der Nacht auf Freitag Angriffe auf 130 Ziele im Libanon, teilte die israelische Armee mit. Berichte, wonach eine Kommandozentrale der Hisbollah in Tyrus zerstört wurde, sind nicht bestätigt worden.

Bei der Bombardierung eines Wohngebäudes in Nabatiyeh starb nach libanesischen Angaben ein Mann, vier Personen wurden verletzt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Beirut sind den Kämpfen seit 12. Juli rund 600 Zivilpersonen zum Opfer gefallen. Die offizielle Zahl der libanesischen Todesopfer liegt bei 382. Auf israelischer Seite wurden 33 Soldaten und 19 Zivilpersonen getötet.

Das israelische Sicherheitskabinett hatte die Verstärkung der Luftangriffe beschlossen. Der israelische Justizminister Haim Ramon sagte, die Libanon-Konferenz habe Israel de facto dazu autorisiert, seine Angriffe bis zur Auflösung der Hisbollah-Miliz fortzusetzen. Der finnische Außenminister und EU-Ratspräsident Erkki Tuomioja, der nach Beirut reisen wollte, sagte, dies sei Israels Interpretation, "und die ist falsch".

Israelische Armee fordert Libanesen zum Verlassen des Südens auf
Die israelische Armee hat die Zivilbevölkerung im Süden des Libanon erneut zum Verlassen ihrer Häuser und der Flucht nach Norden aufgefordert. Über lokale Medien sei die Bevölkerung vor Militäreinsätzen gegen die Schiitenmiliz Hisbollah gewarnt worden, teilte die Armee am Freitag in Tel Aviv mit. Die Frist sei am Freitag abgelaufen.

"Jeder Fahrer, der nach 10.00 Uhr in diesem Gebiet unterwegs ist, und jede Person, die diese Warnung nicht befolgt, riskieren ihre Sicherheit und die ihrer Familien", hieß es in der Mitteilung. Die Armee wolle das Risiko für Zivilisten gering halten.

Unterdessen teilte die Hisbollah mit, die israelischen Truppen haben sich am Freitag aus dem Zentrum der seit Tagen umkämpften Stadt Bint Jbeil im Südlibanon zurückgezogen. Ein Sprecher der Schiiten-Organisation in Beirut sagte, die Soldaten seien nach "heftigen Gefechten mit unseren Kämpfern" einige Kilometer in Richtung des Grenzortes Marun al-Ras zurückgewichen. Die Grenzstadt Bint Jbeil gilt als Hochburg der Hisbollah-Miliz.

Israel erhöht nach Hisbollah-Drohungen Alarmbereitschaft
Die israelischen Streitkräfte sind nach Drohungen der radikalen Schiitenmiliz Hisbollah mit einer Ausweitung von Raketenangriffen in erhöhter Alarmbereitschaft. Das israelische Armeeradio berichtete, es seien Raketenabwehrsysteme vom Typ Patriot and Arrow in zentrale Gebiete Israels verlegt worden. Der seit Beginn der Kämpfe untergetauchte Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah hatte mit Angriffen auf israelische Ziele südlich von Haifa gedroht. Haifa wird seit der Eskalation des Konflikts von der Miliz der pro-iranischen Schiiten-Bewegung täglich mit Raketen angegriffen.
(apa/red)

28.7.2006 17:42