Samstag, 22. Juli 2006

Nach Eiger-Felssturz: NEWS über das langsame Zerbröseln unserer Alpengipfel

  • Geologen warnen: Klimaerwärmung lässt's krachen
  • Sonnblick-Gipfel wurde für 500.000 Euro "saniert"

Nach den gigantischen Felsstürzen in der Schweiz warnen Geologen und Klimatologen: Aufgrund der Klimaerwärmung wird es in den Alpen in Zukunft öfter "krachen".

Zwischen den beiden "Fällen" lagen nur rund sechs Wochen. Am 31. Mai um 6.45 Uhr früh donnern in der Nähe des Sankt-Gotthard-Tunnels mehrere bis zu 125 Tonnen schwere Granitblöcke 700 Meter tief auf die Autobahn und zerquetschen einen deutschen Pkw samt seinen beiden Insassen. Am Donnerstag der Vorwoche kommt es erneut in den Schweizer Alpen zum nächsten Aufsehen erregenden Felssturz: An der Ostflanke des berühmt-berüchtigten Eiger im Berner Oberland stürzen 700.000 Kubikmeter Fels auf den darunter liegenden Grindelwald-Gletscher - rund ein Drittel der laut Geologen akut absturzgefährdeten Gesteinsnase.

Berge in Bewegung
Das Zerbröseln der alpinen Bergwelt bleibt freilich nicht auf die Schweiz beschränkt. Auch in Österreich - also im Ostalpenraum - kommt es immer wieder zu spektakulären "Massenbewegungen", wie Geologen Abbrüche von Fest-und Lockergestein im Gebirge bezeichnen. Vor genau sieben Jahren, im Juli 1999, lösten sich vom Eiblschrofen, dem Hausberg der Inntalgemeinde Schwaz, 10.000 Kubikmeter Fels und kamen erst knapp hundert Meter vor den ersten Häusern zum Stillstand. Fast 300 Anrainer im Stadtteil Ried mussten wochenlang evakuiert werden. Nur mit großem Aufwand und insgesamt 15 Millionen Euro Investitionen konnte die Gefahr weiterer Felsstürze gebannt werden. Zwei große Auffangdämme schützen das Siedlungsgebiet, und dank eines ausgeklügelten Monitoringsystems auf GPS-Basis ist der "Schrofen" heute einer der am besten überwachten Berge Europas.

"Schutzgeld" für den Sonnblick
Auch in den Sonnblick am Hohe-Tauern-Kamm flossen in den vergangenen Jahren viele Millionen an "Schutzgeld": 500.000 Euro kostete die geologische Sanierung des 3.105 Meter hohen Gipfels, der die Basis für Europas höchstgelegene Forschungsstelle, das Sonnblick-Observatorium, bildet. "Die Klimaerwärmung hat dem Granit-Gneis-Gestein derart zugesetzt, dass unsere Wetterwarte nicht mehr sicher war", erinnert sich Michael Staudinger, Meteorologe und wissenschaftlicher Leiter des Observatoriums. Seit Juli 2002 wurde der nicht mehr felsenfeste Gipfel mit insgesamt 60 Kubikmetern Stahlbeton, 90 m3 Spritzbeton und Dutzenden in bis zu 15 Meter Tiefe reichenden Stahlankern von alpinistisch geschulten und absolut schwindelfreien Arbeitern saniert. Nach der Versiegelung der Bodenoberfläche wird Österreichs höchste Baustelle in diesem Sommer abgeschlossen.

Warum die Alpen bröckeln
Felsstürze - laut Geologen Abbrüche von hundert bis eine Million Kubikmetern - oder gar Bergstürze (über 1 Mio. m3) sind im Grunde nichts Ungewöhnliches. "Derartige Massenbewegungen sind ein natürlicher Bestandteil der geologisch-geomorphologischen Ausgleichsprozesse im Zuge des Auf-und Abbaus der Gebirge", sagt Thomas Hofmann von der Geologischen Bundesanstalt Wien. Als besonders große historische Massenbewegungen gelten die Bergstürze des Tschirgant (Tirol, vor ca. 9.500 Jahren), des Dobratsch (Kärnten, zuletzt im Jahre 1348) sowie jener bei Köfels (Ötztal, vor rund 6.700 Jahren). Heutzutage allerdings, so heißt es in einer Informationsschrift der Geologischen Bundesanstalt unmissverständlich, "nimmt die von Massenbewegungen ausgehende Gefahr für den Menschen und seine Bauwerke stetig zu, und immer häufiger sind die Auswirkungen katastrophal".

Die Gründe dafür sind vielfältig, hauptsächlich aber auf die Klimaerwärmung zurückführbar:
* Die Permafrostgrenze in den Alpen ist den vergangenen zwei Jahrzehnten um rund 200 Meter auf 2.500 m Seehöhe gestiegen. Jene Regionen, wo auch im Sommer die Bodentemperaturen in einigen Meter Tiefe ständig unter null Grad Celsius liegen, schrumpfen also. Folge: Ehemals stabile und gefrorene Hänge tauen zunehmend auf. Eis, das Felsklüfte sonst wie Klebstoff zusammenhält, schmilzt. Im Berginneren steigt der Wasserspiegel und damit der Druck - der Fels gibt nach und rutscht ab. Besonders instabil ist der zerklüftete Fels zwischen minus 1,5 und null Grad Celsius.

* Zusätzlich dringt auch von außen mehr Wasser in die Felsklüfte. Grund: "Die Niederschläge im Sommer fallen kaum mehr als Schnee, sondern meist als Wasser auf hochalpine Lagen", so Wolfgang Schöner, Geograf und Klimatologe an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) auf der Wiener Hohen Warte. Die Folge: Klüfte werden verstärkt ausgewaschen. "Dort dringt dann Wasser ein, das gefriert und wieder auftaut, wieder gefriert - Vorgänge, die den Fels irgendwann sprengen", so Schöner im NEWS-Gespräch (siehe Kasten rechts).

* Hohe Tagestemperaturen, wie in derzeitigen Hochsommer-Phasen, verstärken die Rissbildung im Gestein zusätzlich. "Extreme Wetterereignisse verstärken die Erosion", meint Friedrich Popp vom Institut für Geologie der Universität Wien.

* Der Faktor, der die Gesteinsmassen wahrscheinlich am meisten destabilisiert, ist das verstärkte Abschmelzen der Alpengletscher. "Schmilzt das Gletschereis", so ZAMG-Klimatologe Schöner, "dann fehlt der stützende Gegendruck auf die Bergflanken." Diese Druckentlastung führt dann zum verstärkten Abbröckeln des Gesteins.

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22.7.2006 07:31