Donnerstag, 20. Juli 2006

Brunos böse Brüder auf Beutejagd: NEWS-Lokalaugenschein im italienischen Trentino

  • Nun gehen JJ1's Geschwister auf die Jagd nach Beute
  • Droht ihnen das selbe Schicksal wie ihrem Bruder?

Aufregung herrscht im Trentino: Die Geschwister des vor einigen Wochen erlebten Braunbären "Bruno" machen sich nun selbst auf die Jagd nach Beute. Droht ihnen das selbe, tödliche Schicksal wie ihrem Bruder? Ein NEWS-Lokalaugenschein berichtet über "Brunos böse Brüder".

Die Wand in Michele Chiusoles Wohnzimmer ist voll mit Geweihen, kaum ein Fingerbreit ist Abstand zwischen ihnen. In der Mitte ein mächtiges Hirschgeweih, das weit in den Raum reicht. Rechts davon, in einem Kasten, stehen knapp nebeneinander vier Gewehre.

Links, ganz in der Ecke, eine gerahmte Fotografie von 1920: Sie zeigt drei Männer, aufgestützt auf ihren Büchsen. Zu ihren Füßen liegt ein toter Bär, der letzte, der im Trentino - offiziell - geschossen wurde. Der Mann in der Mitte des Photos ist der Bruder des Großvaters von Michele Chiusole.

Begegnung mit einem Bären
Michele Chiusole ist Jäger aus Leidenschaft - und Musiklehrer, damit verdient er seinen Lebensunterhalt. Sein früher schwarzes Haar ist mit den Jahren schon fast durchgehend weiß geworden und hängt ihm in Strähnen ins Gesicht. Michele hatte immer Angst vor Bären - auch wenn er das nie wirklich zugeben wollte. Seit gestern, sechs Uhr morgens, hat er keine mehr. Denn um diese Zeit sah er seinen ersten Bären.

Live, sozusagen, nicht nur auf der alten Fotografie in seinem Wohnzimmer. "Bevor ich ihn vor Augen hatte", erzählt der 44-Jährige, "habe ich ein gewaltiges Schnaufen gehört. Ich bin vor einer Kurve auf dem Waldweg gestanden, neben mir ist es gut 20 Meter steil bergab gegangen, als der Bär plötzlich vor mir stand."

Der schmale Forstweg befindet sich auf knapp 2.000 Meter Höhe, weit und breit keine Menschenseele. Michele wollte eigentlich Rehe beobachten - mit einem Bären hatte er an diesem Tag, zu dieser Zeit, auf diesem schmalen Weg nie und nimmer gerechnet.

,Der Bär hatte mehr Angst als ich.'
"Ich habe mir gedacht ,uff'", erzählt er jetzt, knapp 36 Stunden später bei einem Glas Rotwein in seinem Wohnzimmer - und gibt zu, doch ein bisschen Angst gehabt zu haben. Zumindest anfangs. "Der Weg war zu schmal für uns beide, um auszuweichen. Ich bin ganz an den Rand gegangen, der Bär, es ist ein männlicher gewesen, kam bis auf drei Meter zu mir und lief dann den Abhang hinunter. Eigentlich lief er nicht, er rutschte, so steil war es, also hatte der Bär doch mehr Angst vor mir als ich vor ihm", sagt er lächelnd.

Jurka und ihre Kinder auf Raubzug
Die Bewohner der kleinen Dörfer am Fuße des "Parco Naturale Adamello Brenta" in der Provinz Trient machen fast jede Woche Bekanntschaft mit Bären.

Nicht mit irgendwelchen - sondern mit Jurka, der Mutter von JJ1 alias "Bruno" und (dem wahrscheinlich bereits gewilderten) JJ2. Nun geht sie mit ihren drei Jüngsten, die vor einem knappen halben Jahr geboren wurden, auf Raubzüge.

Roberto Calvetti arbeitet für den Forstdienst und zeigt die jüngsten Schäden der Problembärin und ihres Nachwuchses. Ein geplünderter Mistkübel am Waldrand, drei gerissene Hühner im Stall von Signora Antonella.

Um drei Uhr früh wurde die resolute Italienerin durch das Bellen ihres Hundes und das Gegackere der Hühner aufgeweckt. Bärendame Jurka und deren Kinder bekam sie nicht zu Gesicht - aber die Überreste von den gerissenen Hühnern. Mehr als die Klauen haben die Bären nicht übrig gelassen.

"Vergangenes Jahr ist Jurka zweimal da gewesen, ich habe Angst vor ihr. Wenn ich in den Wald muss, gehe ich nur mit einer Freundin", erzählt Signora Antonella.

Nun hat ihr Sohn eine Alarmanlange gebaut. Wenn ein schmaler, gespannter Faden, der um die Umzäunung des Hühnerstalles gespannt ist, bewegt wird, geht die Sirene los. Gespeist wird das Gerät durch eine Autobatterie.

Wildhüter auf der Suche nach Bärenspuren
Roberto Calvetti nimmt die Schäden auf, sammelt die Bärenhaare ein, die sich in den Holzzäunen verfangen haben und sucht nach Tatzenabdrücken im Boden. Seine Hauptaufgabe ist aber die Aufklärung der Bevölkerung und das Beruhigen der Emotionen.

Roberto Calvetti kennt Jurka und ihre Familiengeschichte von Anfang an und ist überzeugt, dass die Bärin und ihre Kinder keine Gefahr für Menschen sind.

"Seit Hunderten von Jahren gehen Bären in den Müll und suchen nach Nahrung. Immer, wenn sich Bär und Mensch gegenübergestanden sind, hat der Bär Fersengeld gegeben."

Die Problemfamilie der Bärendame
Seit sechs Jahren allerdings gönnen Jurka und ihr Nachwuchs Roberto Calvetti und seinen Kollegen keine Verschnaufpause. Warum die Bärendame missraten ist, liegt an einem Vorfall, der schon Jahre zurückliegt. Um zu verhindern, dass Bären den Menschen zu nahe kommen, werden sie vergrämt. Vergrämen heißt, dass mit Gummigeschoßen auf die Wildtiere geschossen wird. Das ist auch bei Jurka passiert - jedoch nicht nachhaltig genug.

Jurka wurde nämlich orts-, aber nicht auf Menschen bezogen vergrämt. Deswegen lässt sie nun oft gerissene Tiere liegen und kommt nicht zu ihrer Beute zurück. Zu allem Überfluss hat sie auch noch ihren Sender verloren, der es einfach machen würde, sie für weitere Vergrämungsaktionen aufzuspüren.

Ganz Mutter, gibt sie ihr Verhalten an ihre Kinder weiter - genau das wurde ihrem Sohn Bruno vor knapp drei Wochen in Bayern zum Verhängnis.

Auch ihren drei jüngsten Kindern droht nun dasselbe Schicksal. Gelingt es nicht alsbald, sie zu "disziplinieren", also zu vergrämen, dürften sie in spätestens eineinhalb Jahren ähnlich agieren - wie Bruno. Dann werden sie nämlich das Alter erreicht haben, in dem männliche Bären beginnen, auf Wanderschaft zu gehen, und könnten so rasch auf den Abschusslisten der Behörden ganz oben stehen.

Die Arbeit des ,Bärenmannes'
Alberto Stoffela wird in der Region nur "l'uomo d'orso" - "Bärenmann" - genannt. Er arbeitet mit Roberto Calvetti zusammen und kennt Jurka und all ihre Familienmitglieder von Geburt an. In seinem Büro im Touristenort Andalo hängt über seinem Schreibtisch ein Bild - es zeigt ihn mit einem betäubten Bären am Waldboden. Für den Wildhüter ist die Geschichte Brunos ein Drama: "JJ1 war auf kei-nen Fall gefährlich, es ist eine Grundsatzentscheidung: Wenn man Bären will, muss man Toleranz üben."

Die ganze Story lesen Sie im aktuellen NEWS!

20.7.2006 11:26