Sonntag, 16. Juli 2006

Urteile in Italien schlagen hohe Wellen: Prozess-Marathon & "Schlussverkauf" droht

  • Verurteilte beklagen Strafen und gehen in Berufung
  • PLUS: Alle Infos, Reaktionen und die Urteile im Detail

Der italienische Fußball-Verband (FIGC) muss nach den drakonischen Urteilen im Absprachen-Skandal mit einer Welle von Protesten rechnen. Die in die zweite Liga verbannten Traditionsklubs Juventus Turin, AC Fiorentina und Lazio Rom haben ebenso einen Gang durch alle gerichtlichen Instanzen bis hin zum Europäischen Gerichtshof angekündigt wie der mit einem Punkteabzug bestrafte AC Milan.

"Es ist die Hölle", schrieb die "La Gazzetta dello Sport" am Sonntag. Noch am Vortag hatte die Sportzeitung den Prozess um die Manipulation von Schiedsrichter-Besetzungen als "Das Nürnberg des Fußballs" mit jenem gegen Nazi-Verbrecher nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland verglichen. Der Ausgang der Prozesse ist nicht absehbar, doch einige Topstars sind dabei, die Flucht zu ergreifen. 13 von 23 italienischen Weltmeistern droht der Abstieg in die Fußball-Provinz. Das ruft Schnäppchenjäger auf den Plan.

Europas Spitzenklubs ködern Stars
Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch hat den italienischen Teamkapitän Fabio Cannavaro bereits auf seine Yacht vor der italienischen Insel Ponza geladen. Allerdings hat der ab Montag in der Steiermark trainierende spanische Rekordmeister Real Madrid den Juventus-Abwehrchef ebenso an der Angel wie dessen Teamkollegen Gianluca Zambrotta und Emerson. Für rund 30 Millionen Euro soll das Trio seinem Coach Fabio Capello nach Madrid folgen. "Ich hoffe, Cannavaro bleibt", sagte der neue Juventus-Trainer Didier Deschamps. "Es wäre schlimm für den italienischen Fußball, würden alle Topspieler das Land verlassen."

Mit seinem ersten Urteil hatte das FIGC-Gericht das alte Fußball-System enthauptet: Vier Spitzenklubs, die zurückgetretenen Präsidenten des Fußballverbands (FIGC), die Schiedsrichter-Chefs und einige Star-Referees haben nach Meinung der Richter gemeinsam mit den Köpfen der italienischen Fußball-Mafia um Ex-Juve-Manager Luciano Moggi Serie-A-Spiele systematisch manipuliert.

Angeklagte nehmen Urteile nicht hin
Ein vernichtendes Urteil, das die Angeklagten nicht hinnehmen: "Ich erwarte, dass wir in der Serie A bleiben oder schlimmstenfalls ohne Punktabzug in der Serie B starten", sagte Juve-Präsident Cobolli Gigli, dessen Team noch 30 Strafpunkte aufgebrummt wurden. "Kein einziger Beweis", läge für Juves Schuld vor. "Wir klagen bis zum Europäischen Gerichtshof", kündigte Lazio Rom-Präsident Claudio Lotito an, der von den Fans als Totengräber des Klubs attackiert wird.

Die Fiorentina-Fans stehen hingegen hinter ihrem Präsidenten Diego Della Valle, der ein unfaires Schnellverfahren beklagt: "Unsere Verteidigung ist nicht einmal gehört worden." Auch Juristen sehen den großen Zeitdruck mit Sorge: Bis zum 26. Juli muss das Berufungsgericht in letzter Sportinstanz urteilen, damit die Europacup-Teilnehmer noch gemeldet werden können. Danach aber wollen die Klubs Zivilgerichte anrufen. Selbst der AC Milan, der nach Punkteabszug und Champions-League-Ausschluss noch auf einen UEFA-Cup-Start hofft, will weiter prozessieren.

Der zu viereinhalb Jahren Berufsverbot verurteilte ehemalige FIGC-Präsident Franco Carraro hat angekündigt, sich an den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne zu wenden. Drahtzieher Moggi nahm seine Verurteilung zu fünf Jahren Berufsverbot und 50.000 Euro Geldstrafe am leisesten hin. "Ich habe mit dem Fußball abgeschlossen", sagte Moggi, auf den nach Anklage der Staatsanwaltschaft Neapel ein Zivilprozess und Schadenersatz-Forderungen zukommen werden.

Nachdem die Betrüger verurteilt sind, fordern die Betrogenen ihr Recht. Inter Mailand will den Juventus aberkannten Meistertitel von 2006: "Das ist unser Recht", sagte Inter-Besitzer Massimo Moratti am Sonntag. Er sieht darin ein Signal, "dass in Italien nicht alle betrogen haben". Der Juve aberkannte Titel 2005 bleibt unvergeben. Unterdessen rollt bereits die nächste Welle der Inspektion an: Chef-Ermittler Francesco Saverio Borelli hat bereits die Klubs Reggina, Messina, Empoli und Siena ins Visier genommen.

(apa/red)

16.7.2006 16:57