Mittwoch, 26. Juli 2006

Zwischenbilanz der Evakuierungen: 328 Österreicher aus dem Libanon ausgereist

  • Bis zu drei warten auf Ausreise, 114 wollen bleiben
  • Neue Aufgaben für Botschaft in "humanitärer Phase"

Bisher wurden 328 Österreicher aus dem Libanon gebracht. Das ist die erste Zwischenbilanz über die Evakuierungen des österreichischen Botschafters in Beirut, Georg Mautner-Markhof. "Zwei bis drei" Österreicher wollten derzeit noch ausreisen und 114 im Libanon lebende Personen mit österreichischem Pass wollten im Land bleiben.

"Ganz wenige, zwei bis drei im Augenblick" wollten ausreisen, sagte Mautner-Markhof. Dabei handle es sich um Österreicher, die zusammen mit Begleitpersonen den Libanon verlassen möchten, wobei diese Begleitpersonen aber noch auf ein nötiges Visum oder einen Pass warteten. Diese kleine Gruppe sei "in Sicherheit in Beirut".

Die 114 habe die Botschaft kontaktiert und ihnen ausdrücklich erklärt, dass "wir zur Verfügung stehen, wenn sie das Gefühl bekommen, Hilfe zu brauchen". "Es hat keine Zwangsevakuierung (von Österreichern) gegeben", betonte der Diplomat, nicht einmal Empfehlungen, wie sich die Menschen verhalten sollten. Die Botschaft habe lediglich Hilfestellung angeboten.

Süden vom Norden abgeschnitten
Als "schwierig" beschrieb Mautner-Markhof die Durchschleusung eines Konvois aus Nabatieh im Südlibanon nach Beirut mit Deutschen, Italienern und anderen Staatsangehörigen, darunter auch sechs Österreichern. "Es war schwierig. Einmal wegen der (israelischen) Bombardements und wegen des Umstands, dass der ganze Süden vom Norden weitgehend abgeschnitten ist", verwies der Botschafter auf die zerstörten Infrastruktureinrichtungen, u. a. Brücken.

Nicht alle, die den Konvoi erreichen wollten, hätten dies wegen der Bomben auch geschafft. Ganz in der Nähe der Fahrzeugkolonne sei immer wieder bombardiert worden. Für die 80-Kilometer-Strecke, die sonst im Auto in Eineinviertelstunden bewältigt werden könnte, habe der Konvoi vier Stunden gebraucht, schilderte Mautner-Markhof - "Keine einfache Aktion, bestimmt nicht".

Zu Berichten, wonach Österreicher zeitweise auch in der Beiruter Botschaft untergebracht waren, erklärte Mautner-Markhof: Die Botschaft könne niemanden beherbergen, es seien dort aber wartende Personen über Stunden nach den Möglichkeiten betreut worden. Wenn sie nicht bei Verwandten oder in Hotels hätten nächtigen können, habe man sie vorübergehend im Kloster Saint Joseph des Lazaristen-Ordens untergebracht. Ein weiterer Einsatz der Hercules-Maschine des Bundesheeres, die in zwei Flügen Ausländer von Zypern nach Österreich brachte, ist laut dem Botschafter "derzeit nicht vorgesehen". Man habe die Österreicher teils über Larnaka und teils über Damaskus heimgeholt, da die syrische Hauptstadt von Touristen und Libanon-Ausreisenden "verstopft" gewesen sei.

Kinderdorf-Evakuierung noch möglich
Zur aufgeschobenen Evakuierung eines libanesischen SOS-Kinderdorfes im Bekaa-Tal, die unter Beteiligung zweier Cobra-Beamter stattfinden sollte, sagte Mautner-Markhof: "Das Kinderdorf befindet sich in einer sensiblen Zone, wo hauptsächlich Schiiten leben und die Hisbollah stark vertreten ist." Die Kinder und Mitarbeiter, die die Bombardements miterlebt haben, sollten in ein Kinderdorf in der "relativ sicheren" nördlichen Küstenstadt Batroun gebracht werden. Einige der Kinder befinden sich jedoch außerhalb des Dorfes und hätten bei einer Evakuierung zurückbleiben müssen. "Im Augenblick ist es dort ruhig (...) Es ist denkbar, dass die Evakuierung später stattfindet."

Da die libanesischen Sicherheitskräfte keinen Kontakt zu Israel unterhielten, habe Österreich bei Israel um eine "Schutzgarantie" für die Evakuierung gebeten. Die beiden noch im Libanon verbliebenen Cobra-Beamten sollen demnach gegebenenfalls den Kontakt zu Israel während der Aktion halten. "Wir versuchen, das Sicherheitselement mit einzubringen", sagte Mautner-Markhof.

"Humanitäre Phase" beginnt
Alle europäischen Botschaften im Libanon würden ihre "Kernaktivitäten" weiter betreiben. Jetzt, da die "humanitäre Phase" beginne, stünden neue Aufgaben für sie etwa bei der Verteilung von Hilfsgütern bevor. Angesichts der "Verhandlungs- und Reisediplomatie" nähmen die Auslandsvertretungen auch ihre "politischen Aufgaben" des Beobachtens und Berichtens wahr. (apa/red)

26.7.2006 08:21