Donnerstag, 20. Juli 2006

Kein Ende in Sicht: Israels Armee-Chef
erteilt Hoffnungen auf Frieden klare Absage

  • Olmert sagt aber Ja zu einem Flüchtlingskorridor
  • Zwei ausländische Journalisten von Hisbollah entführt
    Bomben auf Beirut - Raketenangriffe auf Israel

Israels Armeechef Chaluz hat alle Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Angriffe auf den Libanon zerstreut. Sein Land befände sich mitten im Kampf gegen radikale Organisationen. Das erklärte der oberste Militär in einem Schreiben an seine Truppe via der Tageszeitung "Haaretz". Dieser Konflikt drohe noch lange weiterzugehen. Ähnlich äußerten sich auch Israels Regierungschef Olmert und Verteidigungsminsiter Perez. Israel hat am Donnerstag unterdessen die schweren Luftangriffe auf Beirut fortgesetzt und dabei ein Gebäude bombardiert, in dem führende Funktionäre der libanesischen Hisbollah vermutet wurden.

Am Donnerstagabend verlautete aus Regierungskreisen in Jerusalem, die israelische Regierung habe sich zur Einrichtung eines Luftkorridors für Hilfslieferungen an die libanesische Bevölkerung bereit erklärt. Dies würde genehmigt, wenn internationale Hilfsorganisationen einen entsprechenden Antrag stellten. Ministerpräsident Ehud Olmert, Außenministerin Zipi Livni und Verteidigungsminister Amir Perez hätten dies grundsätzlich vereinbart.

Einen solchen Korridor hatten zuvor zahlreiche Politiker und Vertreter von Hilfsorganisationen gefordert. Die Vorsitzende von UNICEF Deutschland, Heide Simonis, sagte der "Saarbrücker Zeitung": "Der Libanon braucht Hilfe, um die Grundversorgung seiner Bevölkerung mit Wasser, Strom und Medikamenten sicherzustellen". Die frühere Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein beklagte, dass die Zivilbevölkerung und insbesondere die Kinder "den Preis für die Eskalation der Gewalt" zu zahlen hätten.

Journalisten entführt
Zwei ausländische Fernsehjournalisten sind in Beirut von schiitischen Milizionären der Hisbollah entführt worden. Die Reporter seien verschleppt worden, als sie in einem Viertel im Zentrum der libanesischen Hauptstadt für einen Filmbeitrag drehten, sagte ein Polizeivertreter. Die Hisbollah-Kämpfer hätten die Medienvertreter für Spione gehalten.

Sie drehten demnach in einem öffentlichen Garten, in dem sich derzeit viele Flüchtlinge aufhalten. Polizisten und Soldaten trafen unmittelbar nach der Entführung in dem Gebiet ein. "Wir versuchen, eine Lösung zu finden", sagte der Polizeioffizier. Er machte keine Angaben zur Nationalität der Ausländer.

Hisbollah-Stellungen beschossen
Am neunten Tag der Angriffe nahm die israelische Luftwaffe erneut mutmaßliche Hisbollah-Stellungen unter Feuer. Allein auf ein Gebäude, bei dem es sich nach Angaben aus Militärkreisen um einen Bunker handelte, warfen Kampfflugzeuge 23 Tonnen Sprengstoff ab. Dort seien Führer der Hisbollah vermutet worden. Die israelische Tageszeitung "Maariv" berichtete auf ihrer Internetseite unter Berufung auf hochrangige Militärkreise, Hisbollah-Chef Sayyed Hassan Nasrallah habe sich möglicherweise in dem Schutzraum aufgehalten. Die Hisbollah bestritt Verluste und erklärte, das Gebäude sei eine halb fertige Moschee gewesen.

Angaben über Opfer der jüngsten Angriffe lagen zunächst nicht vor. Am Mittwoch waren bei den Bombardements 65 libanesische Zivilisten ums Leben gekommen. Bei Raketenangriffen der Hisbollah wurden in Nazareth zwei israelische Kinder getötet.

Auch Bodenkämpfe gehen weiter
Im israelisch-libanesischen Grenzgebiet gingen die Bodenkämpfe weiter. Dabei wurden nach Angaben der israelischen Streitkräfte zwei Soldaten verwundet. Israelische Bodentruppen hatten am Vortag die Grenze überquert und sich Gefechte mit den schiitischen Rebellen geliefert, mehr als eine Woche nach Beginn der Offensive gegen die Hisbollah-Miliz. Auslöser war die Entführung zweier israelischer Soldaten vor einer Woche. Im Gaza-Streifen, wo palästinensische Kämpfer im Juni ebenfalls israelischen Soldaten verschleppt hatten, ging die Armee weiter gegen Hamas-Kämpfer vor. Israel lehnt die Forderungen von Hamas und Hisbollah nach einem Gefangenenaustausch ab.

Ministerpräsident Ehud Olmert erklärte, die Angriffe würden so lange wie nötig fortgesetzt, um die Freilassung der Soldaten und die Entwaffnung der Hisbollah zu erreichen. Sein Stellvertreter Shimon Peres zweifelte die libanesischen Opferzahlen als "absolut unseriös" an.

Das israelische Außenministerium bat die deutsche Regierung um Mithilfe bei der Befreiung der beiden im Libanon verschleppten Soldaten. Deutschland spiele eine zentrale Rolle und habe bereits in der Vergangenheit eine konstruktive Rolle gespielt, wenn es um Geiselnahmen oder die Entführungen von Soldaten gegangen sei, sagte Ministeriumssprecher Yigal Palmor im ZDF. Deutschland hatte vor zwei Jahren einen Gefangenenaustausch zwischen der radikalislamischen Hisbollah und Israel vermittelt.

Forderung nach Waffenruhe
Russland forderte eine sofortige Waffenruhe zwischen der Hisbollah und Israel. Ein solcher Schritt sei dringlicher als alles andere, sagte Außenminister Sergej Lawrow der russischen Zeitung "Kommersant". Damit weicht das Land deutlich von der Position der USA ab, die eine Resolution des UNO-Sicherheitsrates für eine Waffenruhe ablehnen. In den diplomatischen Bemühungen zur Lösung des Konflikts ist bislang eine einheitliche Linie nicht zu erkennen.

Der libanesische Ministerpräsident Fouad Siniora bat die internationale Gemeinschaft um Hilfe bei der Entwaffnung der Hisbollah. Sie werde von Syrien und dem Iran gesteuert und habe "einen Staat im Staat" geschaffen, sagte er in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview der Mailänder Zeitung "Corriere della Sera". Seine Regierung sei alleine zu schwach. "Die ganze Welt muss helfen, die Hisbollah zu entwaffnen", sagte Siniora. "Zuerst brauchen wir allerdings einen Waffenstillstand."

Auch die Europäische Union nannte eine Waffenruhe als Bedingung für eine mögliche internationale Friedenstruppe. "Die EU ist bereit zu helfen", erklärte der finnische Regierungschef und Ratspräsident Matti Vanhanen. Die EU-Kommission sagte zehn Millionen Euro Soforthilfe für die Versorgung der Bevölkerung zu.

(apa/red)

20.7.2006 20:54