Montag, 13. November 2006

"MTV der Zukunft" via Web-Community?
Licht und Schatten eines Freundesnetzwerks

  • Weltgrößte Internetgemeinde mit 86 Mio. Mitgliedern
  • E-MEDIA: Impressionen zum Spektrum von MySpace

Sie sind gekommen, um zu bleiben. "Solange es diese Seite gibt, bleiben wir hier." Wir: das sind Anita, 17, und ihre Freundinnen Patrizia und Claudia. Hier: das ist MySpace, die meistbesuchte Website 2005, die mit 86 Mio. Mitgliedern weltgrößte Internetgemeinde. Eine, an der Verhaltensforscher ihre helle Freude hätten.

Die MySpace-Einwohner musizieren, schreiben Tagebuch, drehen Filme, laden Fotos hoch, plaudern, streiten, ver-und entlieben sich - und vor allem: Sie vernetzen sich, oft völlig wahllos. Denn auch in der virtuellen Welt gilt: Du bist, wen du kennst beziehungsweise wie viele du kennst. Bei MySpace sind alle "Freunde" - das persönliche Adressbuch ist so was wie die internette Währung.

400.000 Bands
"Na, an die 2.000 Freunde werden wir schon haben", sagt Anita. Und es sind nicht irgendwelche, sondern prominente Freunde: Bands wie Shiver, Fettes Brot, Juli oder Evanescence - allesamt mit eigenen Pages bei MySpace vertreten, allesamt mit der Tirolerin und ihren Freundinnen direkt verdrahtet. Schließlich sind Anita und ihre Genossinnen
"Groupies4Life": "Aber eh völlig harmlos. Nicht mit Sex oder so - uns geht's um die Musik. Wir wollen die Bands nur ein bisserl besser kennen lernen."

Das geht nirgendwo besser als bei MySpace, dem MTV der Zukunft. Über 400.000 Bands und Solokünstler gehören zur Gemeinschaft, ein Großteil der anderen Mitglieder sind Musikfans, die Grenzen sind fließend. Es gibt Seiten von Beyoncé Knowles, Coldplay und 50 Cent. Doch der Erfolg in den Charts bedeutet hier nicht viel: Mariah Carey etwa hat knapp 1.400 Freunde - die Austro-Band 3 Feet Smaller 1.741.

Castingshow online
Bei MySpace sind Stars nicht wichtig, sie werden hier gemacht. Die Arctic Monkeys aus dem englischen Sheffield schafften es dank MySpace-Cyberpropaganda mit ihrer Single auf Platz 1 der britischen Charts. 3 Feet Smaller konnte mit Online-Musikfiles einen internationalen Konzertveranstalter überzeugen - im Frühjahr '07 folgt eine Tour durch die Ukraine. Schlagzeuger Roberto Franko: "MySpace stellt alle Tools zur Verfügung, damit man sich eine Fangemeinde aufbauen kann: Konzertankündigungen, Musik-und Video-Upload." Gezielt gerichtet an die beste Zielgruppe: 22 % aller MySpace-Nutzer sind unter 18.

Die Zukunft darf was kosten
Damit entwickelt sich MySpace ganz im Sinne seiner kalifornischen Gründer Tom Anderson und Chris DeWolfe, die das Netzwerk 2004 ursprünglich als lokalen Künstlertreffpunkt ins Netz stellten. Der zwanglose Marktplatz ist mittlerweile eine Mega-Community - und die Gründer, die jedes neue Mitglied als "erster Freund" begrüßen, reiche Männer. Im Juli des Vorjahres kaufte Rupert Murdoch ihr Unternehmen Intermix Media für sagenhafte 580 Mio. Dollar. Seitdem übt sich der große alte Medienmogul in der Rolle des Digitalisierungspropheten: MySpace stehe für eine Welt ohne Grenzen, sei ein Versprechen auf ein besseres Leben für viele Menschen.

In der Kritik
Doch die unbedarfte Offenheit der User kann für das Internetportal auch zur großen Gefahr werden. Neben Sicherheitslücken (nach einer Phishing-Attacke landeten 7.500 Account-Daten im Netz) gilt MySpace seit dem Mord an einer 14-Jährigen auch als gigantisches Jagdrevier von Pädophilen, die ihre jungen Opfer gezielt anschreiben und unter vorgetäuschter Identität zu Treffen locken. Potenzielle Amokläufer präsentieren hier ganz offen ihr Waffenarsenal, braune Recken ihre Ideologie. Die Reaktion von MySpace: Im April wurden 200.000 verdächtige Accounts auf einen Schlag gelöscht, ein ehemaliger Microsoft-Sicherheitsbeauftragter betreut das Portal künftig.

E-MEDIA (Nr. 13/2006)

13.11.2006 11:50